Wilder Abend.

Wildes Dinner, WildzeitAnna hatte sich bereits den ganzen Tag auf ihn gefreut und nun musste sie wieder auf ihn warten, die vielen Überstunden im Büro machten sie langsam stutzig, aber auf der anderen Seite sah ihr Vincent auch nicht so aus, als ob er sich statt im Büro in den Bars der Stadt vergnügen würden. Dennoch, sie musste sich etwas einfallen lassen, damit er wieder lieber zu ihr kommen würde als am Sessel Im Büro zu kleben. Ihre Idee, sie lud ihn zu einem wilden Abend ein.

Der Herbst hatte die Blätter im Garten in den Farben des Indian Summers gefärbt, die Kastanie, die ihr Großvater damals zur Geburt ihrer Mutter gepflanzt hatte, trug viele herbstliche Früchte und der Boden wurde mit jedem Tag etwas mehr von den Früchten des Baumes bedeckt. Die Kastanien lagen bereits zum Greifen nahe und Anna gab sich einen Ruck und ging in den Keller, holte das Körbchen ihrer Mutter aus dem Regal und öffnete die Tür zu Garten. Ein leichter Schauer hatte den Boden mit Wasser benetzt und die Nachmittagssonne gab sich alle Mühe die Feuchtigkeit aus dem Rasen zu ziehen. Anna genoss diese vielleicht letzten  Sonnenstrahlen auf ihrem Gesicht und zog spontan die Schuhe aus, sie wollte den Rasen spüren und empfand eine unglaubliche Nähe zu ihrem Garten. Eine Nähe, die sie auch beflügelte und in Windeseile hatte sie das Körbchen mit Kastanien gefüllt.

Sie legte ein paar Holzscheite in den Kamin und entzündete das Feuer, dann ging sie erneut in den Keller und entschied sich für eine Flasche Spätburgunder vom Weingut Knipser „Grosses Gewächs“ vom Burgweg. Sie freute sich auf den langen Abgang und den Geschmack nach Himbeeren. Andächtig brachte sie die Flasche in die Küche um sie zu öffnen. Er sollte atmen können, seine ganze Kraft entfalten. Der Rotwein alleine würde den Abend aber nicht rund machen. Sie wusste Vincent würde sich über frische, selbstgemachte, Spätzle freuen. Das Wildschwein hatte sie bereits am frühen Morgen in Wein eingelegt und es vor einer Weile scharf angebraten. Nun stand es im Ofen und garte langsam sous vide durch. Sie würde dafür sorgen, dass der Braten bei 58 Grad perfekt sein würde, leicht rosa und somit wunderbar zart. Sie nahm die Eier, drei Stück, 400g Mehl und einen Schuss Wasser, dann knetete sie den Teig ordentlich durch und als er sich von der Rührschüssel löste wurde es Zeit die Spätzle ins seiende Wasser zu geben.

Sie schaute auf die Uhr, sah nach dem Fleisch und überzeugte sich vom wunderbaren Duft der frischen Spätzle. Dann legte sie die weiße Tischdecke auf, nahm das glänzende Silberbesteck zur Hand und nachdem sie die Gläser akkurat platziert hatte, erstrahlte der Tisch in seiner ganzen Pracht.

Ein letzter Blick in die Küche, dann auf die Uhr und sie nahm einen kleinen Schluck vom Wein. Ein herrlicher Tropfen, der die ganze Kraft seiner Trauben mit einer wunderbaren Himbeernote in ihre Nase steigen ließ. Das Wildschwein hatte genügend Zeit im Ofen verbracht und durch die sous vide Methode kam es nun butterweich auf den Teller. Die Spätzle dampften und die selbstgemachte Sauce hatte sie mit einem Schuss Sahne verfeinert. Für sie beide würde es je ein kleine Schüssel mit ganz wunderbar aromatisch duftenden, warmen Kastanien geben und eine ganze Anzahl der braunen Herbstfrüchte  hatte sie ungekocht auf dem Tisch als Dekoration verwendet. Wild, Spätzle, Kastanien, Rotkraut und der Spätburgunder aus dem Hause Knipser würden den Abend sicherlich zu einem wunderbaren Moment werden lassen, in dem auch die wilden Momente nicht fehlen würden.

Text: Pa­trick Meier, Frank­furt
Bild: Shelegeda O.

2 comments on “Wilder Abend.

  1. Christa on said:

    seiendes wasser?
    gewesenes wasser?
    oder hat die automatische korrektur zugeschlagen?
    dann wollte es wohl ein siedendes oder simmerndes sein …
    hauptsache, die spätzle werden nicht kalt, bis der erwartete kommt!
    prost & mahlzeit
    ch

    • Was der kollege meint, ist seiend, beispielsweise abgeleitet von „abseien“, also auch nicht kochend sondern im Österreichischen wohmöglich simmernd.

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