Wie aus einem Waldspaziergang ein Dessert wird.

Elisabeth Mair. Die süsse Sünde.Von den ersten Sonnenstrahlen geweckt zu werden, kann im Grunde nur ein guter Start in den Tag sein. Schnell öffne ich das Fenster um die frische, eher schon etwas herbstliche, Luft einzuatmen. Leider ist dies bei mir in der Stadtwohnung immer mit dem entsprechendem Straßenlärm verbunden. Und so entscheide ich mich schnell, meinen freien Tag heute auf einer nahe gelegenen Almhütte zu verbringen. Mit Müsliriegel, Apfel und einer Flasche Wasser. Nach nicht einmal 15 Minuten Autofahrt beginne ich den Wanderweg in Richtung Almhütte bei einem Waldparkplatz.

Gedanken schwirren in meinem Kopf herum, die Arbeit läßt mich nicht los. Der Anstieg ist kurz, hat es aber ganz schön in sich und da kommt mir eine kleine Verschnaufspause gerade recht! Und erst jetzt fällt mir die unglaubliche Schönheit dieses Waldes auf! Völlig von der Landschaft fasziniert, und plötzlich von den quälenden Gedanken verlassen, packe ich meine Wasserflasche wieder ein und begebe mich mit vergnügtem, breitem Grinsen wieder auf den kleinen aber steilen Waldweg.

Ab und an bleib ich wieder stehen um die traumhafte Umgebung zu erkunden. Bei meinem Rundblick erkenne ich zwischen den vermoosten Waldflächen, wundervoll grün schimmernd, einen großen Fleck mit frischem Waldklee, auch Sauerklee genannt. Ach, wie schön – lauter kleine perfekte Blätter zwischen all dem Moss und kleinen Ästen. Schnell pflücke ich einige Blätter und koste sie. Herrlich! Das ließe sich doch sicher auch gut ins Dessert einbauen, so denk ich mir, das wäre eine interessante Variante. Doch nur kurz hält dieser Gedanke an, auch weil ich mir vorgenommen habe heute nicht an die Arbeit zu denken und einfach nur abzuschalten. Steil geht es weiter bergauf und bald komme ich auf eine kleine Lichtung wo nur ein schmaler Schotterweg zwischen Brennnesseln und dornigen Stauden hindurchführt. Tja, und bei den dornigen Stauden bleibt es nicht, denn – diese tragen ganz wunderbare Früchte! Waldhimbeeren, von der Sonne geküsst. Vom Feinsten! Wenn das kein neues, kein fabelhaftes Dessert wird. Und da: Ein kleines Biotop – Hirschlake – wie die Tiroler es so nett nennen. Und daneben steht ein Jesuskreuz, ein Marterl und einer kleinen Sonnenbank darunter. Und darunter blinzelt mir was entgegen? Waldheidelbeeren! Überall! Und was sehe ich da? Die hier sind rot – und nach einigem eifrigen Kosten stelle ich fest, dass, dem Säuregrad zufolge, es sich um frische Preiselbeeren handelt. Tja, was man nicht alles findet, so in luftiger Höhe! Hm, die Preiselbeeren brauchen noch ein einige Sonnenstunden und eine liebevolle Behandlung mit Zucker aber wir haben doch schon einen tollen Anfang für unser Dessert!

Die restlichen Höhenmeter lasse ich die wundervollen Eindrücke noch einmal revue passieren und überlege, wie ich all dies auf den Teller bringen könnte. Der samtige, weiche Waldboden, auf dem sich der Waldklee ausbreitet. Heidelbeerstauden, die den Boden bedecken, um gemeinsam mit den Preiselbeeren die wenigen Sonnenstrahlen einzufangen. Und natürlich die fruchtigen Waldhimbeeren, die sich stolz auf den großen Sonnenhängen präsentieren.

Erschöpft auf der Almhütte angekommen, packe ich als Erstes meinen Schreibblock aus, um all dies festzuhalten. Nach einer kleinen Stärkung jedoch, genieße ich den grandiosen Ausblick in Ruhe und freue mich darauf, aus all den schönen Dingen, die mir die Natur heute schenkte, ein neues Dessert kreieren zu dürfen.

Die frischen Heidelbeeren werde ich in einen Topf mit heißem Karamel gegeben, um ihn gleich mit Folie zu bedecken und vom Herd zu nehmen, sodass die Heidelbeeren, nur leicht an eigenem Saft verlieren und noch die Form behalten. Aus den Himbeeren werde ich gleich zweierlei Gelee machen, das eine schön weich, das andere als Geleeüberzug für eine kleine Kuppel aus Sauerrahm – Limettenmousse. Die Preiselbeeren brauchen etwas anderes. Mit einer ordentlichen Portion Zucker und liebevoller Behandlung durch das Rührwerk habe ich ein feines Ragout, abgeschmeckt mit etwas Orangensaft. Und um ihnen den gewissen Kick zu geben, darf ein kleiner Schuss Wachholder alias Gin nicht fehlen. Und der Waldklee wird ebenfalls mit etwas Zucker aber hauptsächlich mit Joghurt und Buttermilch aufgemixt und tiefgefroren. Das Ergebnis ist ein fabelhaftes grellgrünes Waldkleesorbet! Und um das Dessert perfekt abzurunden, backe ich kleine warme Zitronenküchlein, die ebenfalls mit etwas Beeren garniert werden. So habe ich mir das vorgestellt.

Text: Elisabeth Mair
Bild: Mair

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