Kulinarium: Wenn der Wein blüht

Weingarten im SommerIch bin an einem Fleck in der Südsteiermark aufgewachsen, wo sanfte Hügel sich wellenartig ausbreiten und die Sonne es gut meint mit dem Wein. Wenn ich am Morgen vor die Tür trat, wogte mir ein Rebenmeer entgegen. Akkurat angelegte Zeilen führten nach unten zum slowenischen Bach und schärften den Blick. Wenn man Glück hatte, erspähte man ein Reh oder einen Fasan, der sich mit seinem typischen Laut im Gras niederließ. Manchmal war das Tal von dicken Nebeln verhängt – ich ging dann mit dem Hund dem Bach entgegen und staunte immer wieder aufs Neue, wenn ich ihn entdeckte: So rein und klar.

Der Juni war einzigartig: wenn der Wein blühte, lag stets ein Sehnen in der Luft. Am Abend empfand ich den Duft besonders intensiv, der ganze Berg atmete Blüten aus, in der Ferne flackerte ein Licht, ein Hund bellte irgendwo und ein Käuzchen schrie. Oft sass ich im Weingarten und hörte der Stille zu, der Duft des blühenden Weins beruhigte und war verlässlich. Jahr um Jahr.

Heute, fast 30 Jahre später, habe ich meine eigene kleine Weinhecke. Vor einigen Tagen habe ich die ersten heurigen Blüten entdeckt. Ich setzte mich an mein kleines Tischchen am Hügel, irgendwo in Graz flackerte ein Licht, mein Hund bellte und das Käuzchen im Wald schrie. Der Wein blüht verlässlich – Jahr um Jahr.

Text: Bibi Stift
Bild: shaiith / 123RF Stock Photo

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