Weingartengeschichten: Rudek und das große Fass

Weingarten Hannes ReehJeder weiss, wie ein Weingarten aussieht: Zeile um Zeile schmiegen sich die Rebstöcke an die Hügel, von Nord nach Süd, wie mit dem Lineal gezogen, dazwischen Traktorwege und da und dort ein gemauerter Brunnen, der von der Zeit herrührt, als man noch händisch gespritzt hat und die die Arbeiter noch „schlauchziehen“ mussten – ich kann mich gut erinnern, wie aufregend das für uns Kinder war, weil wir gebraucht wurden und mithelfen konnten.
Am Abend hatten wir Blasen in den Handflächen vom stundenlangen Ziehen,aber wir waren stolz und glücklich, weil uns die Erwachsenen als gleichwertige Mitarbeiter betrachteten. Die Jause, die es abends gab, nahmen wir alle gemeinsam ein: Most und Wein tranken die Großen, Apfelsaft die Kinder, die mit roten Wangen und müden Augen den Erzählungen der Winzer lauschten.

Und es gab viele Geschichten damals im Weingarten.

Meine Urgrossmutter beispieslweise hatte einen slowenischen Arbeiter, der sehr gerne trank. Er hieß Rudek und in meiner Erinnerung ist er ein großer, dünner Mann mit einer roten Schnapsnase. Ich war noch sehr klein und er hatte mir in seiner herzlichen Art einige slowenische Wörter beigebracht. Eines Tages hieß es,  Rudek sei verschwunden. Seine Frau nahm sein Verschwinden mit stoischer Ruhe hin; damals kam es oft vor, dass Männer unauffindbar waren – zumindest, bis sie wieder nüchtern waren. Diesmal jedoch war es anders: der bedauernswerte Rudek wurde nach 3 Tagen in einem großen Fass aufgefunden und leider tat er – so ist es zumindest dem Tagebuch meiner Urgrossmutter zu entnehmen – „keinen Schnaufer mehr!“

Der gute Rudek wollte wohl ein Fass säubern, kroch hinein und ist wohl aufgrund seiner fortgeschrittener Alkoholisierung eingeschlafen. Das Fass wurde mit Wein gefüllt. Der Rest ist Geschichte.

Böse Zungen (vor allem, die, die ihn kannten) behaupteten, er sei eines schönen Todes gestorben. Ich weiß nur, dass sein Geist noch immer im Keller herumspuken soll. Persönlich habe ich ihn nie gesehen, aber trotzdem: Jedesmal, wenn ich in den Keller ging, habe ich entweder laut gesungen oder gepfiffen – das mögen Geister nicht, hat mir die Urgroßmutter gesagt.

Bild: Reeh

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