Weihnachtsgeschichte. Was Mozart sagte.

Hannes Glanz, WeihnachtsgeschichtenUm 17 Uhr, pünktlich wie jeden Tag, verließ Herr Otto seinen Arbeitsplatz in der Salzburger Altstadt. Oft fühlte er sich dabei griesgrämig und müde, doch heute war es besonders schlimm. Seine Kollegen im Büro hatten schlechte Laune, weil sie sich wünschten, es wäre Freitag statt Montag, und die Aktenberge auf seinem Schreibtisch stapelten sich schon so hoch, dass er keine Ahnung hatte, wie er alles bis zum Heiligen Abend erledigen sollte.

Auch das Wetter war gegen ihn. Am Eingangstor wurde Herr Otto von kaltfeuchtem Schneeregen empfangen, der nichts brachte außer Erkältungen. Mit einem Seufzer zog er den Hut tiefer ins Gesicht, legte den Schal enger um den Hals und ging los.

„Warum muss ich gerade heute einkaufen!“, ärgerte er brummend sich nach ein paar Schritten. Überall diese schrecklichen Märkte, hektisches Gedränge, laute Musik. Glühweinfahnen mischten sich mit Kastanienmief. Und wenn er nicht aufpasste, tappte sicher irgendein Kind mit von kandiertem Obst pickigen Fingern auf seinen Kamelhaarmantel. Doch sein Vorhaben, mit gesenktem Kopf und eingezogenen Schultern unauffällig durch die Menge zu huschen, wurde – wie sollte es an einem solchen Tag anders sein – vielfältig erschwert. Herr Otto hatte den Mozartplatz erst zur Hälfte überquert, da wurde er von einer Absperrung aufgehalten, an der viele Leute lachten und applaudierten.

„Der künstliche Eislaufplatz, schon wieder!“, murrte er. Warum kapierte niemand, dass der zu nichts Nutze war und nur Platz weg nahm? Außerdem kann sowieso keiner mehr ordentlich Schlittschuh laufen, dachte er boshaft. Der Dicke zum Beispiel, der wird gleich hinfallen und nie wieder …-
„Hallo, Otto!“
Erschrocken schaute er sich um. Wer sprach ihn da so unverschämt laut an, noch dazu mit seinem Vornamen? Doch er sah nur unsympathische Gesichter, die er nicht kannte.
He, Otto! Ich rede mit dir!“
Wo er auch suchte, niemand sah in seine Richtung.
„Rechts vorne!“, wies ihn die Stimme an. „Du musst nur den Kopf ein wenig heben!“
Otto gehorchte, aber dort stand kein Mensch. Nur eine – Statue.
„Jetzt bin ich endgültig übergeschnappt“, flüsterte er ängstlich. „Das muss der Stress sein …“ Schnell wandte er sich ab und wollte weggehen, aber die Stimme redete ungeniert weiter.
„Endlich hast du mich gesehen“, frohlockte sie. „Wie kann ich dir helfen?“
„Lass mich in Ruhe!“, wisperte Otto. „Ich brauche keine Hilfe. Und du bist seit über zweihundert Jahren tot!“
„Sag das mal den Menschen, die gerade meine Zauberflöte gehört haben“, meinte Mozart schlicht und lachte. „Ich glaube, die erzählen dir etwas ganz anderes.“
„Was willst du überhaupt?“
„Ein Spiel mit dir spielen.“

Fortsetzung hier.

Text: Hannes Glanz
Bild: Glanz

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