Wachau: Mehr als eine Weinbauregion

Wachau.Mit der Wachau verbinden wir nicht nur erlesene Weine, sondern auch eine der schönsten, beliebtesten und berühmtesten Regionen Österreichs. Das romantische Donautal zwischen Melk und Krems wurde von der UNESCO zum Welterbe erklärt. Denn hier sind in einer großartigen, von der Natur begünstigten Landschaft ebenso beeindruckende Denkmäler der Bau- und Bodenkultur entstanden. Im Lauf der Jahrhunderte ist hier eine einzigartige Kulturlandschaft gewachsen und im Wesentlichen erhalten geblieben.

Die altehrwürdigen, malerisch in die Landschaft gefügten Bauwerke, die Weinterrassen mit zahlreichen verwachsenen und verwitterten Trockenmauern wecken in dem milden Klima zuweilen das gelöste Lebensgefühl südlicher Regionen. Zu diesem gehört auch, dass zwischen edlen Reben auch wilde Blumen und bunte Tiere Lebensräume und warme Plätze finden. Beschützt von mit Laubwald bedeckten Bergen schmiegen sich Weinriede und Obstgärten an die Südhänge und in die kleinen Becken des engen Donautals. Felsen und Böschungen, Trockenrasen und Gehölze unterbrechen und strukturieren das Weinland.

Ein Blickfang ist immer wieder der Strom, dessen gewundener Lauf in Jahrmillionen dieses Tal in den uralten Gebirgssockel des Waldviertels eingeschnitten hat. Vorbildliche Revitalisierungen haben in der letzten Zeit an der allzu hart regulierten Donau wieder Bereiche mir durchströmten Nebenarmen und Auen, Schotterufern und Inseln entstehen lassen. Nachdem sich die Wachauer in den 1970er Jahren erfolgreich gegen ein geplantes Kraftwerk gewehrt hatten, ist die Wachau außer dem Nationalpark unterhalb von Wien der einzige ungestaute Abschnitt der österreichischen Donau.

Weil die Wachauer Gemeinden seit langem in einem gemeinsamen Arbeitskreis ihre Verantwortung für ihre besondere Landschaft wahrnehmen, sind die Siedlungen weniger ins Umland gewuchert und wird alte Bausubstanz mehr geachtet als anderswo. Trotz einzelner Nadelholzpflanzungen, allzu rigoroser Obstbaumrodungen und anderer Sünden haben Landschaft und Lebensräume der Wachau das Industriezeitalter bislang erstaunlich gut überstanden.

Damit das so bleibt, ist auch heute größte Wachsamkeit gefragt. Denn eine Landschaft ist ein verletzliches Lebewesen. Es geht nicht um bloße Konservierung, sondern um die Überbrückung von Widersprüchen zwischen Bewahren und Bewirtschaften, um die Entwicklung und Umsetzung von Leitbildern einer unvergleichlichen Region, die als Wohn-, Erholungs- und Wirtschaftsraum auch künftigen Generationen ungeschmälert erhalten bleiben soll.

Jede Landschaft drückt Geistes- und Werthaltungen der in ihr lebenden Menschen aus. Im Gegensatz zu einseitig übernutzten und biologisch verarmten Produktionsflächen ist eine Kulturlandschaft auf ebenso vielfältige Weise lebendig wie die Kultur, die sie geschaffen hat.

Die Vielfalt der Wachauer Landschaft, wo Wein und Obst, Wald und Grasland, Kultur und Wildnis sich bunt und harmonisch durchdringen, erfreut nicht nur unser schönheitsdurstiges Auge. Sie ist auch die Basis für einen unvergleichlichen Reichtum an Lebensräumen und Lebewesen. Nach einer Wanderung auf blumengesäumten Wegen in dieser Bilderbuchlandschaft – durch blühende Obstgärten oder herbstbunte Wälder, an den Donaustrand oder auf einen Aussichtsfelsen, wo wir auch manchen seltenen Schmetterling auf einer Blüte belauschen oder die Smaragdeidechse auf einem warmen Stein – sind Herz und Sinne weit geöffnet. Da schmecken wir von all dem Erlebten auch etwas in einem Glas guten Wachauer Weins.

Text und Bild: Werner Gamerith; Exzerpt aus: Werner Gamerith, „Wachau. Lebensräume einer Kulturlandschaft“, Tyrolia Verlag, 34.90 €.

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