Vom Zauber der Weihnachtsbäckerei

Kekse im AdventJedes Jahr im Sommer oder Frühherbst denke ich mir: Heuer backe ich keine Weihnachtskekse! Erstens sind zuviel Butter und Zucker nicht gerade optimal für jemanden, der von der Natur nicht dazu geschaffen wurde, als Zahnstocher durch die Welt zu wandeln, zweitens kriegt man von Grossmüttern, Tanten und Nachbarn bei jedem Besuch schon in der Vorweihnachtszeit die herrlichsten Bäckereien vorgesetzt und drittens hab ich einfach zu wenig Zeit!

Nun ist es aber so, dass sich bei mir spätestens in der ersten Dezemberwoche eine gewisse Nervosität breitmacht, die ich mir nicht recht erklären kann. In Supermärkten wird auffällig oft die Backabteilung passiert, mein Blick streift über Bourbonvanille, Marzipanrollen und Zuckerstreusel. Im Internet und in alten Kochbüchern wird – natürlich rein interessehalber – nach Keksrezepten gesucht und spätestens, wenn der Göttergatte fragt, weshalb es denn in der Adventzeit um Himmels Willen bei uns nicht nach Zimt und Nelken duftet, so wie in jedem anständigen Haushalt auch, gebe ich auf.

Nachdem ich heute einen Einkaufswagen voller köstlicher Ingredienzien nach Hause brachte, steht dem Keksbackmarathon nichts mehr im Wege. 5 bis 6 Sorten müssen es jedes Jahr sein: die Klassiker Vanillekipferl, Linzer Räder und Husarenkrapferl, ein paar Bleche von den „gewöhnlichen Keksen“ aus der Rezeptsammlung derer von Stift und last but not least die Königsdisziplin: Spagatkrapfen! Dazu muss gesagt werden ,dass in meiner Familie (ein liebenswerter Haufen Gourmets) seit Generationen ein Weihnachtsfest ohne besagte Spezialität beinahe undenkbar ist. Auf alles kann verzichtet werden, nur darauf nicht.

Ich plane also eine ganzen Tag ein, weil ich nur 3 Krapfenzangen habe und 6 Familienmitglieder versorgt werden müssen. Wenn ich um 10 Uhr morgens beginne, bin ich, wenn alles gutgeht, irgendwann am späten Nachmittag fertig, betrachte die Fettspritzer am Herd und auf meiner Kleidung und brauche kein Abendessen mehr, weil ich, so gebietet es ein alter Brauch, die zerbrochenen und leicht angebrannten Krapfen bereits selber verspeist habe. Als meine Mutter noch jung war, wurde zu jedem deformierten Krapfen ein Schlücklein Wein getrunken. Ich habe mir aus Gesundheitsgründen erlaubt, mit dieser Tradition zu brechen.

Wenn die noch heissen Spagatkrapfen dann endlich im Zimt-Zucker-Gemisch gewälzt werden und das ganze Haus nach Kindheit und Behaglichkeit duftet, fühle ich mich um Jahre zurück versetzt und betrachte müde, doch voller Stolz mein Werk. Alle anderen Kekse sind schneller zu machen, aber ich muss gestehen, dass ich es mittlerweile sehr genieße, an einem ruhigen Nachmittag mit mehlbestäubten Händen in der Küche zu stehen, gute Musik zu hören und mir die leuchtenden Augen meiner Familie vorzustellen, wenn sie in der Adventzeit mit Appetit meine Bäckereien geniessen und jedes Jahr das selbe sagen: „Für uns hättest du dir das nicht antun müssen!“

Text: Bibi Stift
Foto: fotografiebauer / 123RF Stock Photo

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