Kulinarium. Sturm und Drang.

Neue GarderobeDer Herbst war in meiner Kindheit immer die aufregendste Jahreszeit. Die Lese, die darauf folgenden langen Nächte des Weinpressens, in denen wir Kinder selbstverständlich mit den Erwachsenen aufbleiben durften und voll Freude den frischgepressten Traubensaft kosteten, der in seiner Süsse kaum zu überbieten war. Spätnachts, wenn die Mühen des Tages vergessen waren, entspannten sich auch die Helfer und manch schöne Geschichte von damals ist mir in Erinnerung geblieben.

In den nächsten Tagen wurde der Alltag von Kellerarbeiten beherrscht. Für mich übte die Atmosphäre in dem dunklen Gewölbe immer eine Faszination aus, der ich mich kaum entziehen konnte. Täglich ging ich durch den Kellergang, links und rechts die grossen Fässer, auf denen Gärglocken sassen, in der Nase stets leichten Schwefelgeruch und Moder, der von den feuchten Wänden stammte. Noch heute hab ich das Blubb-Blubb der Gärung im Ohr, und die Mahnung des Vaters, den Keller nur mit einer brennenden Kerze zu betreten. Ging dieselbe aus, hatte ich sofort kehrtzumachen. Heute ist das Schnee von gestern. Die Weinerzeugung ist steriler und professioneller geworden. Der erste Sturm wird in Plastikflaschen verkauft und ist bereits Ende August erhältlich.

Meine allererste Sturmerfahrung hat bereits im zarten Alter von acht Jahren stattgefunden. Der Hauptteil der Weingartenarbeiten war erledigt und Familie und Freunde kamen zusammen, um eine erfolgreiche Ernte zu feiern. Ich hatte den grössten Spass mit meinen Cousins, wir tobten in der alten Presse herum und abends, als die Erwachsenen um den Tisch herum sassen, und nicht mehr auf uns achteten, hielt mir mein 14jähriger Cousin ein Glas hin.

„Kost einmal, der Traubensaft ist ganz frisch!“

Ich trank und wunderte mich über den seltsamen Geschmack. Ja, süss war das schon. Es liess sich ganz leicht trinken und prickelte sogar ein bisschen. Nach einer halben Stunde hatte ich feuerrote Wangen und mir war heiss. Ich erinnere mich, dass ich über den kaputten Hut meines Onkels so lange lachte, bis meine Mutter auf mich aufmerksam wurde und meine Stirn befühlte.

„Das Kind hat ja Fieber!“ rief sie und wollte mich sofort ins Bett schicken.

Woraufhin ich einen weiteren Lachanfall bekam, mich unter dem Tisch versteckte und zu singen begann. Mein Vater bückte sich zu mir herunter, sah mir prüfend ins Gesicht und runzelte die Stirn.

„Das Kind hat kein Fieber“, sagte er dann, „Es hat einen Schwips!“

Diese Erkenntnis hat mir nicht viel geholfen. Ins Bett musste ich trotzdem. Später haben wir noch oft über diese Geschichte gelacht. Heute weiss ich, was ich im Glas habe. Am liebsten einen guten Morillon aus der Südsteiermark.

Text: Bibi Stift

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