Ein Plädoyer für den Sonntagsbraten

Ich gehe gerne essen und geniesse es, mich nach Strich und Faden in einem Restaurant verwöhnen zu lassen. Aufmerksames Personal, schönes Ambi-ente, stressfrei und entspannt.

Trotzdem koche ich auch sehr gerne selber und ich erinnere mich an mein Elternhaus, in dem an jedem Sonntag gekocht und gebraten wurde. Der Sonntag war unbestritten der Tag des Fleisches und diese Tradition habe ich glücklicherweise auch in mein Berufsleben hinüber gerettet. Ich lade 4-5 liebste Menschen ein, stelle mich schon frühmorgens an den Herd und versuche, ein Menü à la Mutter Stift aus den Töpfen zu zaubern. Mit Menü meine ich allerdings nicht die klassische „Suppe, Hauptspeise, Dessert“-Speisenfolge, sondern eine mindestens 5 Gänge dauernde kulinarische Geschmacksexplosion. Meine Gäste wissen das und essen aus diesem Grund schon am Abend davor nur noch trockenes Brot, um nicht nach der Vorspeise schon mit gefüllten Bäuchen bewegungslos auf das Sofa zu fallen. An diesem Nationalfeiertag beispielsweise, haben es nur 3 Personen bis zur Nachspeise geschafft. Aber ich will der Reihe nach berichten.
Die ersten Gäste trudelten um 11 Uhr ein, was mir gar nicht gelegen kam, weil ich gerade hektisch und schweissgebadet mit blutigem Finger – beim Spicken des Fasans abgerutscht – nach einem Pflaster suchte. Ich stellte die Ankommende mit einem Gläschen Hollundersekt ruhig um sie anschließend mit dem Hund spazieren zu schicken, um noch etwas Freiraum zu bekommen. Währenddessen konnte ich in Ruhe Markknöderl in die – selbstverständlich echte – Rindsuppe einkochen, den Fasan ins Rohr schieben und meine Spritzhülle mit Pommes Duchesses-Masse füllen. Ich wusste, dass ich meinen perfekt ausgeklügelten Zeitplan keinesfalls ändern durfte und war froh, nun endlich allein in meiner Küche arbeiten zu können.
Bis das Telefon klingelte. Zu spät bemerkte ich, eine äusserst redselige Kollegin an der Strippe zu haben, der ich eher halbherzig, das Handy zwischen Schulter und Ohr geklemmt, zuhörte, während ich verzweifelt versuchte, Speckstreifen um Ziegenkäse zu wickeln, um diesen dann für die Vorspeise herausgebraten auf Ruccolasalat mit Balsamico anrichten zu können.
 Als mir die Essigflasche beinahe ins  für die Nachspeise vorbereitete Himbeertiramisu fiel, rief ich laut und geistesgegenwärtig: „Akku leer!“, warf das Telefon schwungvoll in den Brotkorb und atmete  tief und befreit durch.
11 Uhr 40: Eigentlich läuft, trotz der unvorhersehbaren Störungen, alles nach Plan. Der Vogel schmort im Ofen, Vorspeise und Suppe müssen nur noch angerichtet werden und das Dessert war in weiser Vorraussicht schon am Tag davor zubereitet worden. Ich beschloss, mein Organisationstalent angemessen zu würdigen und als Belohnung einen Aperitif zu genehmigen. Ich öffnete eine Flasche Fendant aus dem Wallis, setzte mich auf den Küchenhocker und genoss die zahlreichen Düfte, die meine Nase umschmeichelten. Es war warm, durchs Fenster fielen Sonnenstrahlen auf mein altes, von der Decke hängendes Messinggeschirr und gedankenverloren blätterte ich im lieb gewordenen alten Kochbuch meiner Urgrossmutter, das mich überallhin begleitet hat. „Der Fasan muss solange im Keller hängen, bis die Stossfedern alleine abfallen“, steht dort geschrieben – wie vieles, das heute nicht mehr ganz so gemacht wird, in Kurrentschrift. Im Grunde ein beeindruckendes Zeitzeugnis.
Meine Gedanken wurden von einem lauten, fröhlichen „Hallo!“ unterbrochen, meine Schwester war zur Tür herein gekommen und nach ihr auch gleich die anderen Gäste. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen: Der Sonntagsschmaus konnte beginnen: Ziegenkäse, Markknöderlsuppe, Fasan mit Pommes Duchesses und Kohlsprossen, Himbeertiramisu, später Käse und guter Wein, über allem der wunderbare Gedanke, im Kreise lieber Menschen eine Mahlzeit zu zelebrieren, die Stunden dauern wird,  untermalt von guten Gesprächen, zwischenmenschlichen Beziehungenn und all das in einer Atmosphäre, die mir wieder einmal vor Augen führt, wie schön es doch ist, Freunde zu haben.
Und am Abend, wenn alles vorbei ist und die letzten Gäste noch immer nicht gehen wollen, übersehe ich großzügig das Chaos in der Küche, schenke mir noch ein Gläschen ein und denke aus vollem Herzen und vollem Bauch: „Morgen ist auch noch ein Tag!“
Text: Bibi Stift

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