Zeitzeuge sein.

Mann mit Coffee2GoIst es nicht ein erhabenes Gefühl Zeitzeuge zu sein? Im Radio ein Interview, ein Zitat in der Presse dazu ein paar überarbeitete Bilder im Internet. Ja, das macht schon was her! Doch – wie wird man denn so ein Zeitzeuge? Ein geschichtsträchtiges Ereignis zu überleben oder in einer Ära gelebt zu haben, in der sich die Gesellschaft verändert hat – sich daran zu erinnern und sogar noch zu erzählen. Zeitzeuge sein, eben. Aber was hat das mit Kaffee zu tun? Warten wir es ab.

Wir sind alle Zeugen unserer Zeit, denn wir leben täglich mit, wir nehmen teil und beobachten. Wir halten es für den Verfall unserer kulinarischen Sitten oder sehen es als forschen Schritt Richtung Zukunft. Auf jeden Fall könnten wir unser Zeitzeugesein in der Pension besser zu Geld machen, wenn wir denn ein Stück „Hardware“ der Geschichte aufbewahrt haben. Keine Bange, das kostet nicht viel und braucht nicht viel Platz. Natürlich dreht es sich hier um Kaffee, im Besonderen  um die rasche Verbreitung von „Coffee to go“ oder „C2go“. Bewahren Sie sicherheitshalber eine Porzellantasse und einen Becher mit Deckel auf, Sie wissen noch nicht genau womit Sie in dreißig Jahren diese Zeit und diese Entwicklung bezeugen werden.

Und man wird Sie fragen, auf welcher Seite Sie denn damals gestanden hätten. Stellen Sie sich schon darauf ein: Als Becherfraktion werden sie Fragen zu Lebensgefühl, Freiheit, Becherhalter am E-bike und Recycling zu beantworten haben. Aus der altmodischen Tassenfraktion werden es Themen sein wie Geschmacksvielfalt, Etikette, Zubereitungsmöglichkeiten, Politik, Genuss und Gesellschaft. Darauf wird man abzielen.

Doch zurück aus der Zukunft wieder ins Hier und Jetzt. An jeder Ecke und an jeder der Bäckereien, Cafés, Würstlstandln, Kebabbuden und traditionsreichen Gasthöfen steht ein großes Schild mit der farbenfrohen Aufschrift Coffee to go. Der Mangel an Zeit bringt gutes Geld an frequentierten Lagen. Die eingesparte Zeit, so man hier einen oder gar zwei Kaffeehausplauderein am Tag gegenüberstellt, ist enorm und viel besser nutzbar. Beispielsweise mit Chatten nach Dienstschluss mit C2go im Cupholder am iPad.

Und wie geht die Entwicklung weiter? Kann man schon am Beginn einer Rolltreppe C2go bestellen und spätestens am Ende abholen und mitnehmen? An der einen U-Bahnstation bestellen und an der nächsten wird das Tablett bereits gereicht? Hatte denn schon Jemandem diese fortschrittliche Idee eines solchen Gastronomiekonzeptes, dort wo das Verkehrskonzept bisher versagt hat?

Die Zukunft wird diese Fragen beantworten. Und vielleicht auch die bisher nichtzufriedenstellende Antwort auf die Frage an viele Betroffene: Wie schmeckt denn der Kaffee?
Und den völlig überraschten Gesichtern entweicht ein: „Besser als im Büro …?“ oder ein „Ich brauche ihn zum Munterwerden …?“ oder ein “ Ja, schon gut aber ich trinke ihn doch nicht wegen des Geschmacks …“

Zeitzeugen wären vielleicht Menschen, die etwas mehr wahrnehmen.

Text: Peter Steininger
Bild: stockbroker / 123RF Stock Foto

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