Nur wenn er glühet, labet der Quell

Tee im TeeglasDie Weihnachtszeit ist vorüber. Vorbei ist es mit dem Duft von Keksbäckereien, vorbei die heimelige Lichterflut an Tannenbäumen, vorbei die Weihnachtsmärkte, die mit ihren Punsch- und Glühweinständen so manchen kalten Wintertag wärmend ausklingen ließen. Ich trauere. Nicht um die Weihnachtszeit, die kommt schon wieder, sondern um den Verlust der Stände mit wärmenden Getränken. Es ist doch Jänner, immer noch kalt, wieso also gibt es kaum noch Punschstände? Gehöre ich zu den wenigen, die sich gern einmal bei einem heißen Glühwein aufhalten lassen?

Den Liebhabern eines dampfenden und duftenden Punsches bleibt also nichts anderes übrig, als ihn selbst zuzubereiten. Selbstverständlich gibt es viele raffinierte und an Zutaten aufwändige Rezepturen, doch ich halte es fürs Erste mit Friedrich Schiller:

Vier Elemente,
innig gesellt,
bilden das Leben,
bauen die Welt.

Preßt der Zitrone
saftigen Stern!
Herb ist des Lebens
innerster Kern!

Jetzt mit des Zuckers
linderndem Saft
zähmet die herbe,
brennende Kraft!

Gießet des Wasser
sprudelnden Schwall!
Wasser umfänget
ruhig das All.

Tropfen des Geistes
gießet hinein!
Leben dem Leben
gibt er allein.

Eh es verdüftet,
schöpfet es schnell!
Nur wenn er glühet,
labet der Quell.

Für Schiller-Liebhaber, die ihrem Genius bei einem dampfenden Punsch huldigen wollen, sei noch verraten, wie man zu dessen Lebzeiten dieses Getränk zuzubereiten pflegte. In dem „Thüringisch-Erfurtischen Kochbuch“ von 1797 findet sich folgende Rezeptur:

„Man nehme etwa 12 Citronen, und reibe von 6 bis 8 die gelbe Schale mit Zucker ab, presse dann aus allen Citronen den Saft (…) aus, und thue ihn in eine Terrine und nun 2 Pfund Zucker hinzu, und gieße, je nachdem man ihn süß liebt, 2 bis 3 Maaß Theewasser auf die in einen Durchschlag gelegte ausgepresste Schaalen darüber, und zuletzt gieße man 1 Maaß oder, wer ihn stärker liebt, auch mehr Arrak hinzu, und setze die zugedeckte Terrine auf eine Kohlenpfanne oder in eine heiße Röhre, und lasse es so miteinander wohl durchziehen. (…) Man kann auch einige Gläser Rhein- Franz -oder Champagnerwein zugießen (…) und hebt ihn in verwahrten Bouteillen im Keller auf, welches die Engländer Schrub nennen. Man hat auch andere Punschessenzen, worüber man, wie über den Schrubb, nur das Theewasser gießt.“

Es mag kein exklusives Rezept sein, keine besonderen Zutaten nötig, scheinbar wenig Vielfältigkeit, doch lohnt es sich sicher, dieser Anleitung zu folgen. Denn eines ist sicher: es wird uns wärmen, vielleicht auch kräftigen und uns auf eine sehr angenehme Weise gut durch den kalten Winter begleiten.

Von dem großen deutschen Dichter und zudem auch Weggefährten Schillers, dem allen irdischen Genüssen stets wohlgesonnenen Johann Wolfgang Goethe holen wir uns die Generalabsolution für alle Punschsünden, die aus diesem Rezept hervorgehen könnten (und für die ich keine Verantwortung übernehme):

„Hier sind wir versammelt zu löblichem Tun,
drum Brüderchen: Ergo bibamus!“ – Lasst uns trinken!

Text: Kathrin Bürger
Bild: Pixabay Fotograph

Comments are closed.

DieWeinpresse located at Wien , 1020 Wien, Austria . Reviewed by 4793 Reader rated: 4.8 / 5