Mich hat´s erwischt!

Aus liebe zur LandwirtschaftIch habe mein erstes Vorweihnachts-Extremschmausen hinter mir. Ein paar Tage auf Besuch bei meinen Verwandten in der Steiermark und schon war es geschehen: Weihnachtsmarkt in Graz, Restaurantbesuch hier und Kekse dort. Ich liebe es. Und doch: Wir haben so viele gute Sachen und vor allem so große Mengen gegessen, dass sich meine kleine innere Stimme nach drei Tagen meldete: “Jetzt reicht es wieder einmal eine Zeit lang.“

So wird es wahrscheinlich vielen von uns in den kommenden Weihnachtsfeiertagen gehen. Tage voller Köstlichkeiten, begleitet von einem durchgehend wohlig bis unangenehm vollen Bauch stehen uns bevor. Ich war ja überrascht, als ich vor kurzem erfahren habe, dass es in der christlichen Tradition neben der vorösterlichen eigentlich auch eine vorweihnachtliche Fastenzeit gibt. Die deftigen Feiertage wurden meist durch eine Zeit eingeläutet, in der man sich bewusst zurücknahm, auf Genussmittel wie Alkohol, Kaffee, Süßigkeiten, aber auch Fleisch verzichtete. Um dann wieder wert zu schätzen, was wir haben. Ich bin nicht religiös. Aber dieser Ansatz gefällt mir, einmal abgesehen vom JoJo-Effekt, der hier natürlich voll zuschlägt, den Überlebensstrategien des menschlichen Körpers sei Dank.

Ich habe zuvor diese kleine Stimme erwähnt, über deren Existenz ich wirklich froh bin. Sie hilft dabei, sich nach den Feiertagen wieder auf ein Normalmaß einzupendeln. Vorausgesetzt man hört sie. Viele von uns sind es gewohnt, zu jeder Zeit alles haben zu können. Dadurch vergessen wir, wie wenig selbstverständlich das eigentlich ist. Wir müssen nicht hungern. Und mit „wir“ meine ich in erster Linie die LeserInnen dieses Artikels. Dass es nicht allen Menschen in Österreich so geht, ist mir bewusst. Viele von uns aber können sich tatsächlich Gedanken darüber machen, ob uns bestimmte Lebensmittel gut tun oder darüber entscheiden, wo und von wem die Lebensmittel stammen, die täglich auf unserem Teller landen. Und ein gutes Stück Fleisch oder ein guter Wein dürfen dann auch ein bisschen mehr kosten.

Ich habe gerade noch einen Satz meiner 90 jährigen Großmutter im Ohr, den sie an diesem Sonntag gesagt hat. „Ich komme heute nicht zum Mittagessen, ich bleibe zu Hause und sehe mir das Skirennen an. Ich habe ja erst gestern so üppig gegessen.“ Bei älteren Menschen kann man gut beobachten, dass fettreiches Essen in großen Portionen den Körper auch einmal überfordern kann. Der Stoffwechsel arbeitet auf Hochtouren, das Blut schießt in Richtung Magen. Da kann ihnen schon einmal schwindelig werden. Die Familie war ein bisschen beleidigt. Aber es ist gut, auf sein Bauchgefühl zu hören. (Bei jüngeren Menschen würde ich jetzt noch zu einem aktiven, nicht passiven Sportprogramm motivieren.) Und es ist gut, die Weihnachtstage ohne schlechtes Gewissen wegen des möglichen Hüftgoldes mit all ihrer Üppigkeit zu genießen. Und danach wieder zu einer abgespeckten Normalität zurück zu finden. Nicht umsonst kommt dann die Zeit der guten Vorsätze, Neuanfänge und Veränderungen.

Es ist ein großes Glück, in einem Land zu leben, in dem solch ein gutes Leben möglich ist. Mit diesem Glücksgefühl möchte ich alle LeserInnen gerne in eine schöne, genussvolle Weihnachtszeit schicken.

Text: Andrea Ficala
Bild: Fotolia_ChristArt_S

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