Von einem echten Gentleman.

Tee im TeeglasTee – der Gentleman unter den Getränken. Tee ist nicht so selbstbewusst wie Wein oder trendy wie Kaffee. Tee ist ruhig, leise, ja, fast schon andächtig. Er wird weder von Medien gehyped, noch verwendet man ihn als probates Mittel gegen Müdigkeit. Tee ist ein Gentleman, der kleine Geheimnisse und seinen ganz eigenen Charme hat. Er verführt mit seinem vielfältigen Aromen und zahlreichen Qualitäten – hält sich dabei jedoch immer dezent im Hintergrund. Er ist nicht aufdringlich aber er beansprucht Zeit, wenn man ihn genießen möchte. Und ich bin ihm schon längst verfallen.

Schon die Zubereitung gleicht einer liebgewonnenen Zeremonie, die mich den Stress des Alltags für einen Moment vergessen lässt. Neben seinen gesundheitlichen Vorzügen – er wird bereits seit 5.000 Jahren als Heil- und Genussmittel verwendet – hat er ein ganz besonderes Merkmal: Er schenkt Zeit. Wie eine kleine Atempause, ein tiefes Luftholen im Rauschen des Alltags. Das ist seine Bestimmung. Man trinkt ihn nicht, um Durst zu löschen oder um morgens schneller warmzulaufen. Man trinkt eine Tasse Stille und Achtsamkeit.

Es ist schon ein festes Ritual: Ich wähle je nach Gemütsstimmung und Tageszeit eine Sorte Tee aus meiner Sammlung aus. Morgens bevorzuge ich einen Seowang Sencha aus Südkorea, ein frischer und fruchtig-lieblicher Grüntee. Damit macht man nie etwas verkehrt, Sencha gilt als die „Königssorte“ unter den Grüntees. Bei Tee ist es wie beim Wein: wenn man sich erstmal auskennt, weiß man, worauf man zu achten hat. Daher kommt mir nur Blatt-Tee von hoher Qualität in die Tasse, zudem wird das Wasser vorher gefiltert. Ich lasse es erst aufkochen und dann auf 80 Grad abkühlen, zu heißes Wasser verdirbt jeden guten Grüntee und lässt ihn bitter werden. Und gerade die leicht süßlich-frische Note liebe ich so an diesem Tee. Gegen Mittag darf es dann gerne ein belebender Darjeeling First Flush sein – dieser wird im Frühling gepflückt, wenn die Teeblätter noch ganz jung und frisch sind. Und so schmeckt ein Darjeeling First Flush auch: spritzig-leicht und ein bisschen grasig, eben wie der Frühling selbst. Und seine goldenen Farbe leuchtet in der Sonne.

Gegen Abend wird es ausgefallener, da werde ich gerne wieder zum Kind. Mein momentaner Favorit in der kalten Jahreszeit: Ein Schwarztee mit Lebkuchen-Geschmack, der mit einem Schuss heißer Milch und etwas Honig zubereitet wird. Ein tiefer Atemzug, der erste Schluck – und sofort steigen Erinnerungen in mir hoch. Es ist Heiligabend und draußen ist es klirrend kalt. Schneeflocken fallen vom Himmel, sodass es nachts nie richtig dunkel wird. Zuhause ist es kuschelig warm, auf dem Tisch flackern ein paar Kerzen und der Weihnachtsbaum strahlt im Glanz der Lichterkette. Der Geruch von Gewürzen, frischen Plätzchen, Orangen und den Nadeln des Tannenbaums erfüllt den Raum. Meine Wangen glühen vor Vorfreude. Im Hintergrund läuft dezent Weihnachtsmusik, die Lichter des Baumes spiegeln sich in meinen Augen, als ich die Geschenke unter dem Weihnachtsbaum sehe …
Nur ein Schluck, ein tiefer Atemzug und ich bin wieder dort. Habe die Bilder wieder vor Augen, den Geruch in der Nase und das Kribbeln in meinem Bauch.

Tee schafft es jeden Tag, lässt mich einen Augenblick innehalten und ganz bei mir sein. Für mich ist nicht nur das Getränk an sich purer Genuss, sondern der ganze Moment. Ich nehme wahr, wie ich mich fühle und achte bewusster auf meine Gedanken. Und regelmäßig, je nach Sorte und Laune, lädt er mich auf eine kleine Gedankenreise ein, leise und charmant. Ganz der Gentleman eben.

Text: Annika Thierfeld
Bild: Herfeld, Pixabay, Fortograf_PDPics

 

 

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