Labsal für Leib und Seele: „Winklers zum Posthorn“ in Wien

P7070004-2-1024x768Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl wurde unlängst medial heftig kritisiert, weil er die Berechnung aufstellte, dass ein Wirt drei Ärzte ersetzen könne. Nun ist diese Rechnung wohl medizinisch nicht ganz valid, mehr als ein Körnchen Wahrheit steckt aber doch dahinter. Gute Wirtshäuser sind Labsal für Leib und Seele.

Was sind die wesentlichen Komponenten für eine ganzheitlich-medizinische Wellness-Funktion des Wiener Beisl? Zunächst gutes Essen ohne unbedingten Zwang zu überzogener Kreativität. Soul Food, nicht Experimentalküche. Weiters eine angenehme Atmosphäre, tunlichst mit viel Holz und viel Patina. Und schließlich ein Wirt sowie Personal, denen es ein Anliegen ist ihren Gästen einen genussvollen Abend zu schenken. Grantige Kellner erwarte ich im Innenstadt-Kaffeehaus, nicht hier.

Unsere regelmäßig durchgeführten Entdeckungstouren durch die Wiener Wirtshauskultur führten uns vergangenes Wochenende in den 3. Bezirk, in „Winklers Zum Posthorn“. Das Lokal gibt es schon sehr lange, Herr Winkler führt es nunmehr seit 2009.

Der erste Eindruck: ein liebes, altes Beisl, eine traumhaft schöne alte Schank, urgemütlich. Der zweite Eindruck: beachtlich, erst 18 Uhr und schon sehr gut ausgelastet. Schließlich der dritte Eindruck: Rapid-Devotionalien an der Wand, der Wirt kann kein wirklich schlechter Mensch sein.

Auf der Speisekarte findet man klassische Wiener Küche. Und die Qualität der Speisen hält, was die Karte verspricht. Eine geschmacklich dichte Leberknödelsuppe, ein zarter Zwiebelrostbraten, der Faschierte Braten auch sehr gut zubereitet (den findet man ja mittlerweile viel zu selten auf der Karte), der warme Schokokuchen und die Grießflamerie eindeutig im oberen Drittel der Erfahrungstabelle. Einfach Essen zum Wohlschmecken und zum Wohlfühlen.

Das Bier ist aus Weitra und Zwettl, es werden einige rote und weiße Weine offen sowie eine beachtliche Auswahl mit über dreißig heimischen Flaschen angeboten.

Maßgeblich zum gelungenen Abend tragen die beiden Service-Damen bei: freundlich, schnell und – quasi die „Conditio sine qua non“ für ein Beisl – mit einem guten Schmäh ausgestattet; und trotz ausgezeichneter Buchungslage relativ entspannt. Und schließlich der Wirt: der ist einfach Wirt, und das mit Leib und Seele. Und etwas Besseres kann man über einen Wirt nicht sagen.

So geht nach einigen Stunden ein angenehmer Abend zu Ende, übermäßig vollgefressen, aber nur mäßig ärmer geworden. Denn rund 100 Euro für vier Personen sind, eingedenk der substanziellen Weinbegleitung, zweifelsfrei als wohlfeil zu werten.

So kann ich mich letztlich nur dem Zitat auf www.gaultmillau.at anschließen: „Sollte die EU jemals einen Artenschutz für klassische Wiener Wirtshäuser einführen wollen, Winklers zum Posthorn wäre ein sicherer Fixkandidat.“

Text: Michael Binder
Bild: Winklers Zum Posthorn

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