Kulinarium.Zillertaler Weihnachten

Bibi Stift und WeihnachtenWeihnachten. Im Hause Stift ein aufregendes, tagelang dauerndes Ess-, Trink-und Seid-lieb-zueinander-Gelage. Nachdem wir seit ca. 100 Jahren einem strikt festgelegten Menüplan folgen, der unter keinen Umständen geändert werden darf (Dazugeheiratete oder in loser Partnerschaft Dabeiseiende haben natürlich nicht das Geringste mitzureden), ist dieses Fest der alljährliche Höhepunkt, auf den ich mich das ganze Jahr freue. Umso schlimmer waren die ersten Weihnachten, die ich nicht zu Hause verbringen durfte: Im zarten Alter von 22 wollte es das Schicksal, dass ich mich als Kellnerin im Zillertal verdingte – man kann sich vorstellen, dass meine bescheidene Anfrage, das Weihnachtsfest während der Hauptsaison daheim verbringen zu dürfen, nicht gerade auf fruchtbaren Boden fiel.
„Spinnsch du eigantlich!“, rief der Seniorchef und sein Alm-Öhi Bart zitterte gar fürcherlich. „Jetzt san die Tourischten da – da kamma nit afoch hoamfohrn!“

Ich hatte verstanden, rief meine Eltern an und heulte in den Telefonhörer.
„Wir schreiben dir eine Karte“, sagte Mutter, „und denken an dich, wenn wir essen!“
Grossartig!
„Aus den Augen-aus dem Sinn!“, dachte ich frustriert und ergab mich in das Unabdingbare.

Am Heiligen Abend hatte ich viel zu tun. Der Hintertuxer Gletscher strahlte in der untergehenden Sonne, in der Küche herrschte geschäftiges Treiben und vor dem Fenster bauten Urlauber-und Einheimischenkinder ein Schneechristkind mit Haaren aus gelbem Stroh und einem wallenden Umhang. Die Karottennnase störte fast gar nicht.

Am späten Nachmittag wurde eine riesige Tanne im Gastraum aufgeputzt und spätestens zu diesem Zeitpunkt wurde ich das erste Mal sentimental. Ich dachte an meinen Vater, der mit mir, als ich noch Kind war, jedes Jahr unter einer fadenscheinigen Ausrede das Haus verlassen hatte, um der Mutter Gelegenheit zu geben, ungestört den Baum zu schmücken. Als die ersten Gäste abends den Speisesaal betraten, hatte mein Heimweh bereits seinen Höhepunkt erreicht.
„Schlimmer kann es nicht mehr werden.“, dachte ich und: „Mach deine Arbeit, Bibi, dieser Tag geht auch vorbei!“

Ich hatte nicht mit meinem Chef gerechnet. Man stelle sich einen 60-jährigen, breitschultrigen Mann mit Lederhose, kariertem Hemd und Rauschebart vor, der nach Tabak und Schafstall roch. Um seine Augen spielten tiefe Falten, sein Gesicht und die Unterarme waren braungebrannt.
„Verehrte Gäste!“, begann er. „Bevor wie die Kerzen anzünden, wollen wir daran denken, dass es unter uns jemanden gibt, der das Weihnachtsfest nicht daheim verbringen kann. Liebe Bibi,“ mit diesen Worten wendete er sich an mich, “ wir wünschen dir Frohe Weihnachten und hoffen, dass wir dir trotzdem das Gefühl geben, ein bisschen zu Hause zu sein!“

Bevor ich endgültig in Tränen ausbrechen konnte, umarmte mich die Seniorchefin ganz fest. (Sie war eine gebürtige Burgenländerin und fühlte mit mir!).
„Wenn die Leute gegessen haben, setzen wir uns zusammen“, flüsterte sie mir ins Ohr.
„Für uns gibt’s heute Backhendl mit Mayonnaisesalat – das is nix für Touristen!“

Text: Bibi Stift
Bild: 123rf.com

Comments are closed.

DieWeinpresse located at Wien , 1020 Wien, Austria . Reviewed by 4793 Reader rated: 4.8 / 5