Wilde Phantasien oder der Traum vom Jagen

Wild und WeinIch liege seit 3 Tagen in höchstem Masse bedauernswert krank darnieder. In meinem Kopf wird „Donnergrollen in den Gedächtnishallen“ uraufgeführt, Hals und Seitenstränge schmerzen, wenn man richtig fest reindrückt und außerdem kurble ich die Taschentuchindustrie merklich an, weil ich zusätzlich zu meiner rinnenden Nase gerade „Casablanca“ angeschaut habe und ich alleine bin. Sämtliche Familienmitglieder haben sich nämlich an diesem regnerischen Sonntag aus dem Staub gemacht und obwohl ich SO KRANK bin, bedauert mich kein Mensch – niemand kocht mir Tee und Hühnersuppe, selbst der Hund schläft sorglos auf der Couch und wackelt nicht einmal mit dem Ohr, wenn ich wieder von einem meiner schrecklichen Hustenanfälle geschüttelt werde. Als wären es nicht schon der Unbillen genug, ist das Schlimmste eingetroffen: Ich habe meinen Geschmackssinn verloren! Und, was weitaus ungewöhnlicher ist: ICH HABE KEINEN APPETIT!

Was für ein Leben, denke ich frustriert, bevor ich einen großen Schluck aus der Hustensaftflasche nehme, die auf ihrem Etikette davor warnt, nach Gebrauch desselben schwere Maschinen zu bedienen oder sich ins Auto zu setzen. Nach einer Viertelstunde merke ich eine gewisse Schläfrigkeit – zuerst in meinen Beinen, dann in meinem Kopf – und ich lege mich zu meinem herzlosen Hund auf die Couch. Die Augen fallen mir zu, wie aus weiter Ferne höre ich Regen und Wind … schlafen!

„HALALI!“ tönt es plötzlich neben meinem Ohr, ich schrecke hoch und sehe mich inmitten einer kläffenden Meute, umgeben von grünbedressten Reitern, die allesamt zufrieden Ihre Jagdstrecke begutachten. Hirsche, Rehe, Fasane und 2 Kaninchen liegen vor mir auf dem Boden, das Rotwild hat frische Tannenzweige im Äser und jemand bläst mit dem Jagdhorn. – CUT! –

Ich stehe in einer, offenbar sehr herrschaftlichen Küche, und rupfe einem Fasan die schillernden Federn vom Leib. Von der Decke baumeln kupferne Pfannen, in den Töpfen vor mir brodelt und blubbert es, dass es eine Freude ist. Ein Küchenmädchen, weissbeschürzt, hält mir einen Löffel unter die Nase. Ich koste und schmecke das beste Hirschragout aller Zeiten, kann jedoch der Versuchung nicht widerstehen und bemerke trocken: „Es ist ein bisschen wacholderlastig, oder?“
Sofort ergeht sich die Maid in Entschuldigungen und entschwindet. Ich gebe es auf, mich zu wundern und spaziere durch die Küche. Da köchelt Rotkraut mit einer feinen Apfelnote in einer Casserole, fertig zum Auftischen erkenne ich einen in Wurzelrahmsoße schmorenden Wildhasen, ein paar Töpfe weiter brutzelt ein gespickter Rehrücken gerade seiner Vollendung entgegen und am Nudelbrett rollt ein junger rothaariger Koch begeistert Kroketten.

Wild, Braten, Wein„Und?„, frage ich, weil ich mir eigentlich noch immer nicht ganz sicher über meine Rolle in diesem wundersamen Schauspiel bin. Errötend sieht er mich an, macht einen fast unmerklichen Diener und antwortet: „Es wird alles zu Eurer höchsten Zufriedenheit ausfallen, Madame! „

„Na, dann ist es ja gut!“, sage ich locker und dann: „Ich schau mich noch bisschen um, ja?“

Auf einem langen Holztisch wird gerade ein Rebhuhn ausgenommen, Herzchen und Leber mit einer Semmel-Backpflaumenfülle vermischt und mit viel Thymian in den Bauch gestopft, daneben sehe ich eine Wildschweinkeule, die, so erfahre ich vom französischen Küchenchef, glasiert wird und mit Schmorwurzeln und Süsskartoffeln zu Tisch kommt.
„Wenn Madame vielleicht die Weinkarte für heute Abend studieren möchte?“

Ich möchte – und erfahre, dass es zum Hirsch einen reifen Pinot Noir gibt, zum feingliedrigen Reh einen saftigen Zweigelt und zum Häschen einen weißen Burgunder. Die Wildschweinkeule verlangt, sofern sie das noch kann, nach einem Brunello di Montalcino.
„Zum Fasan hätte ich diesmal gern einen Spätrotgipfler“, werfe ich mutig ein und der Küchenchef nickt diensteifrig mit seiner Kochhaube.

Während ich mich durch die Desserts koste, (Maroniparfait mit Preiselbeerschaum-Haselnusstörtchen mit Schokoladeneis …), geht das geschäftige Treiben in der Küche seinem Höhepunkt entgegen. Drei Köche und vier Gehilfen braten, sautieren, blanchieren und tournieren, was das Zeug hält. Ich freue mich darauf, meine Gäste kennen zu lernen und sinniere gerade über die äußerst wichtige Frage, was ich denn anziehen soll, als plötzlich ein Schatten in die Küche fällt. In der Tür steht ein hochgewachsener Mann, dessen Gesicht ich nicht sehe – sicher trägt er einen Hubertusanzug.
„Liebling„, sagt er mit sonorer Stimme, „Liebling, es wird Zeit …“

Jemand rüttelt an meiner Schulter.
Liebling, steh auf. Ich hab dir Hühnersuppe mitgebracht.“

Ich öffne mühsam meine Augen. Vor mir steht der Göttergatte mit einem Blechgeschirr in der Hand.

„Wie, was … wo sind denn die Gäste? Und der Hirsch?“
Ich bin ein bisschen benommen.
„Welcher Hirsch? Du musst geträumt haben. Iss deine Suppe, dann wird es dir gleich besser gehen.“

Langsam stehe ich auf.
„Der Hustensaft hat es aber in sich“, denke ich.
Auf meinem Polster liegt ein frischer Tannenzweig.

Text: Bibi Stift
Bilder: 123rf.com

3 comments on “Wilde Phantasien oder der Traum vom Jagen

  1. Christa on said:

    SPÄTROTGIPFLER?
    das ist ein bisschen zu viel des guten weins aus der thermenregion.
    spätrot vulgo zierfandler – oder rotgipfler.
    müsste aber gut passen – prost & mahlzeit
    ch

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