Kulinarium. Wie Wein riecht.

Leopoldsberg, Wiener WeinIch sitze mit Freunden in einem Gastgarten mitten in der City. Links und rechts strömen Menschen vorbei. Die meisten tragen gestresste Gesichter zur Schau, deren müder Ausdruck so gar nicht zum proklamierten Frühling passen will. Zaghaftes Vogelgezwitscher wird von unbarmherzig vorbeifahrenden Straßenbahnen im Keim erstickt – Taxis hupen, weil sie es es nicht besser wissen und die Sonne schafft es nicht, die grauen Häuserfluchten auszutricksen. Wir nippen an unserem Kaffee und beteuern uns gegenseitig, wie schön der heurige April ausgefallen ist.

Leider wird unser Gespräch zum wiederholten Male von von einem vorbeidonnernden Automobil unterbrochen – ich jedoch bin in Gedanken schon längst wo anders …

Wisst ihr, wie der Wein riecht?„, frage ich plötzlich. Große Augen schauen mich an.
Wie meinst du das? Natürlich wissen wir, wie Wein riecht.“ Sie grinsen und ein besonders vinophiler Freund meint: „Noch besser allerdings schmeckt er!“
„So meine ich das nicht.“, ich blicke gespielt streng in die Runde, schüttle den Kopf und sage: „Trinkt aus. Wir gehen. Ich will euch was zeigen!“

Eine gute Stunde später befinden wir uns auf der Weinstraße in Leutschach. Ich kenne dort einen sehr liebenswerten, kleinen Bauern, der von der Großmannsucht bisher verschont geblieben ist. Wir nehmen uns 2 Flaschen Muskatsylvaner mit und einen gutgefüllten Jausenkorb. Dann steigen wir eine kleine Anhöhe hinauf, auf der sich ein Tisch und Bänke mitten in den Weingärten befinden. Die Aussicht ist atemberaubend. Vor uns liegen die Windischen Bühel in ihrer bescheidenen Großartigkeit, Die Stille wird nur von Bussarden unterbrochen, die mit ihrem typischen „Hiääh“ über den umliegenden Wäldern kreisen. Sonst ist alles ruhig.
Ich stelle mich auf den höchsten Punkt des Kogels und halte meine Nase in den Wind.

„Was ist denn mit dir?„, fragen die Anderen.
„Könnt ihr es nicht sehen? Wie die Knospen aus dem Weinstock springen und das alte braune Holz zu neuem Leben erwacht? Schaut euch doch einmal die Reben an – ganz kleine Trauben sieht man schon!“
Meine Begeisterung geht mit mir durch.
„In spätestens einem Monat blüht der Wein! Der Geruch, der von den Blüten ausgeht, ist unbeschreiblich.“
Verständnislose Gesichter blicken mich an. Sie wissen zwar, dass ich in einem Weingarten groß wurde, aber verstehen tun sie mich nicht.
„Ja, wie riecht das denn?“, fragt mich meine Freundin, eine geborene Stadtpflanze.
Ich schließe die Augen und sehe meine Kindheit vor mir.
„Es riecht nach Süßem“, sage ich, „auch ein bisschen nach Sehnsucht, nach etwas Unbestimmtem, aber trotzdem immer nach etwas Gutem- vor allem aber riecht es nach Sorglosigkeit und den Wünschen, die man mit 16 oder 17 hat … Vielleicht auch nach dem Hund, mit dem man stundenlang durch die Weinberge steifte, nach Mutter´s Topfenstrudel und nach den unschuldigen Abenden, die man heimlich mit dem Nachbarsjungen verbrachte. Es riecht ganz einfach nach einem schönen Leben.“

Sie schweigen. Ich atme tief durch, drehe mich um und lächle meine Freunde an.
„Wisst ihr jetzt, was ich meine?“

Wir sitzen noch lange auf dem wunderschönen Hügel. Der Abend kommt mit rotem Licht und keiner will aufstehen.
Als wir endlich nach Hause fahren, sind die Windischen Bühel schon längst Eins mit der Nacht.

„Wie schön …“, sagt die Stadtpflanze.
Ich kann ihr nur zustimmen.

Text: Bibi Stift
Bild: Klösch

Comments are closed.

DieWeinpresse located at Wien , 1020 Wien, Austria . Reviewed by 4793 Reader rated: 4.8 / 5