Kulinarium. Vom richtigen Umgang mit dem freien Sonntag.

RehkeuleEs ist Sonntag und ich bin allein. Die Familie ist, wie man so schön sagt, ausgeflogen, was mir stundenlange Vorbereitungen für ein perfektes Sonntagsmenü erspart. Endlich einmal Ruhe!

Ich beschließe, den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen und verbringe den Vormittag mit einem guten Buch und einer Kanne Tee im Schatten hinter´m Haus.
Herrlich!, denke ich. Niemand stört meine Kreise, der Fernseher schweigt, ich kann tun und lassen, was ich will und kein Mensch stösst sich an meinem wenig sonntäglich frisierten Haarschopf.

Um halb 10 lege ich das erste Mal mein Buch zur Seite und betrachte zufrieden meinen Garten. Wie still es ist! Selbst die Vögel scheinen Sonntagsruhe zu halten, nur hie und da höre ich den Kuckuck aus dem nahen Wald.

Ich lese weiter, stehe eine Stunde später auf und schiele zum Gartenzaun meiner Nachbarin hinüber. Normalerweise flitzt sie immer irgendwo herum, aber heute kann ich sie nirgends erblicken.Schade-ich gerne gerne ein kleines Schwätzchen mit ihr gehalten.

Wie schön ich es hier habe!
Das nenn ich einen Sonntag nach meinem Geschmack! Einmal NICHT für die ganze Meute kochen – kein nachmittägliches Geschirrchaos und vollgeräumte Tische …
Ich widme mich wieder meinem Buch.

Irgenwie kann mich die Geschichte aber nicht fesseln. Die Ruhe im Haus ist fast unheimlich, und auch draussen bewegt sich kein Grashalm.
Ich drehe das Radio auf. Ein bisschen Musik-das ist gut.

Die Teekanne ist leer.
Ich gehe in die Küche und mein Blick fällt auf die glänzende, saubere Herdplatte.

Irgendetwas sollte ich aber schon kochen – mein Magen macht sich durch unterschwelliges Knurren bemerkbar.
Eine Kleinigkeit vielleicht … ich öffne den Kühlschrank.
Gestern habe ich auf dem Markt Karfiol, Jungzwiebeln und eine frische Lammkeule erstanden.
Ich beschliesse, mir ein leichtes Karfiolcremesüppchen zuzubereiten, verdränge das Lamm aus meinem Gedächtnis und freue mich, heute frei zu haben.

20 Minuten später, meine Suppe köchelt gemütlich vor sich hin, fällt mir ein, dass ich morgen nicht dazu kommen werde, das Lamm zu braten.
Ach, das kann ich genausogut auch jetzt gleich in den Ofen schieben. Ich schneide Karotten, Zwiebel und Erdäpfel in kleine Stücke, gebe sie zusammen mit der Keule in meinen Bräter und freue mich, dass dieser Sonntag nur mir gehört.
In der Küche hat sich nicht viel verändert. Die paar Gemüseabfälle stören mich nicht. Es ist ja nicht, wie sonst immer.

Eigentlich koche ich gar nicht – ich bereite nur vor.

Inzwischen ist es 13 Uhr geworden. Wenn die Meute nach Hause kommt, werde ich entspannt auf der Terrasse sitzen und jedem, der es hören will, erzählen, wie toll so ein Sonntag sein kann.
Durchs offene Fenster dringt Hollunderduft in meine Nase.

Ich könnte mir ja zur Feier des Tages ein paar Hollerblüten herausbacken. Dazu verqirle ich Milch, Ei und Mehl, gebe einen Schuss Mineralwasser dazu und tauche die Blüten in den Teig. Mittlerweile hat sich die Unordnung auf meiner Arbeitsfläche in ein mittleres Chaos verwandelt-aber der Geschmack der angezuckerten Köstlichkeit macht das alles wett. Die Fettspritzer auf der Herdplatte stören mich nicht.

Aus dem Ofen riecht es verführerisch. Ich giesse mit Rotwein auf, und muss gleichzeitig achtgeben, dass die Hollerküchlein nicht verbrennen. Die Suppe will passiert und mit einem Schuss Obers verfeinert werden, und ein Salat zum Lamm wäre auch nicht schlecht.

Ich nehme die bereits garen Erdäpfel aus dem Sud, drücke den Rest des Wurzelgemüses durch ein Sieb und hab das erstemal keinen Platz mehr, irgendwas irgendwohin zu stellen. Aber das macht nichts. Einige schmutzige Töpfe werden auf dem Wohnzimmertisch zwischengelagert-die Suppe zwischen Tür und Angel verkostet und der Hollunder an Ort und Stelle verspeist.

Ich liebe freie Sonntage!

Das Lamm braucht micht gottseidank gerade nicht, so kann ich in Ruhe den Salat schleudern, ein feines Knoblauchdressing aus dem Ärmel zaubern und eine saubere Schüssel suchen. Mein Stabmixer hat gerade den Geist aufgegeben, ausserdem kleben noch Karfiolfasern an ihm.

Das macht mir alles nichts.

Es ist 15 Uhr 30, als das Chaos in meiner Küche den Höhepunkt erreicht hat.
Ich stehe mit roten Wangen vor meinem vollendeten Werk, betrachte die heillose Unordnung um mich herum und befinde mich im Stadium der Auflösung.

Plötzlich hupt es vor dem Gartentor.
Die Familie ist heimgekehrt. Ich empfange sie an der Tür. Der Göttergatte hält mir eine dampfende Tasche vor die Nase.

Ich werde blass.

Schau„, sagt er. „Wir haben dir vom Chinesen was mitgebracht. Weil du heut frei hast!

Test: Bibi Stift
Foto: Volker Graubaum

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