Kulinarium. Herbstdiät?

HerbstwaldAn Tagen wie diesen, an denen die Sonne ihr Füllhorn großzügig über die südsteirische Landschaft schüttet, hält mich nichts mehr in der Stadt. Eine anstrengende Arbeitswoche will vergessen werden und auf dem Weg zu meinem persönlichen Wohlfühlort mache ich nur einmal kurz Halt, um die beste aller Freundinnen in Leibnitz abzuholen. Weil wir beide, übrigens nicht das erste Mal, zufällig gerade „auf Diät“ sind, beschließen wir, es diesmal bei einem ausgiebigen Spaziergang durch die Weingärten zu belassen, statt wie sonst immer den einen oder anderen Buschenschank heimzusuchen.

„Weisst du„, sagt Angelika, „wir müssen ja wirklich nicht immer Schmalzbrote, Verhackert und Geselchtes essen, wenn wir auf der Weinstrasse sind. Ich habe uns Knäckebrot, Gürkchen und fettreduzierten Karottenaufstrich eingepackt. Dazu trinken wir stilles Mineralwasser-du wirst sehen, das schmeckt toll!“
„Ja“
, sage ich und verdrehe meine Augen, „das schmeckt sicher hervorragend.“

Nach einer zweistündigen Wanderung durch den goldenen Herbst und durch wogende Rebzeilen setzen wir uns unter einen mächtigen Nussbaum. Das Licht spielt mit den restlichen noch verbliebenen braunen Blättern, es riecht unbeschreiblich gut nach allem, was Sehnsüchte zum Leben erweckt. Unter anderem auch nach gebratenen Kastanien.

„Riechst du das?„, frage ich und recke meine Nase eine Spur höher in die Luft. Und auch Angelikas Nasenflügel beginnen schon deutlich zu beben.
„Ja“, antwortet sie, „Maroni sind äußerst nahrhaft – schon eine Handvoll hat IRRSINNIG viele Kalorien.“

Wir schweigen und beissen tapfer in unser Gurkenbrot.
„Eigentlich haben wir durch die Anstrengung heute schon ziemlich viel Fett abgebaut, oder?“, wage ich zaghaft einzuwerfen. Angelika schaut mich mit einem sehr durchdringenden Lehrerinnen-Blick an.
„Das ist der Sinn einer Diät, meine Liebe. Aber bitte, wenn du Kastanien möchtest, hol dir doch welche.“

Ich beherrsche mich, was mir in Anbetracht ihres tadelnden Tonfalles nicht schwer fällt. Und zum knochentrockenen Knäckebrot passt das stille Wasser ja auch hervorragend. Nach einer halbstündigen Rast gehen wir weiter. Die Strasse schlängelt sich kurvenreich bergauf, links und rechts gesäumt von unzähligen Buschenschenken, in denen beneidenswerte Menschen sitzen, die an duftenden geselchten Rippchen knabbern und sich mit vollen Gläsern, die offenbar alles außer Wasser enthalten, fröhlich zuprosten.

Auf einer Tafel lesen wir: FRISCHER STURM!
Angelika scheint auf einmal unruhig zu werden. „Du, da gibt es Sturm!“, sagt sie. Ihre Stimme klingt plötzlich nicht mehr so fest.
„Ja und? Sturm hat ziemlich viel Zucker und außerdem macht er rabiat! Aber wenn du unbedingt ein Vierterl trinken möchtest …“
„Nein, nein“, fällt sie mir ins Wort – dann schauen wir uns an und brechen in schallendes Gelächter aus.

10 Minuten später – die faden Wasserflaschen wurden entsorgt, das Knäckebrot an einen zufällig vorbeitrabenden Haflinger verfüttert – sitzen wir unter einer gemütlichen Weinlaube und bestellen zwei große Brettljausen und zwei Viertel weißen Sturm.

Der hefetrübe Vorbote des kommenden Muskatellers schmeckt verführerisch süß und fruchtig, die erfrischende Kohlensäure verleitet zu einem weiteren Glas. Wir diskutieren gerade mit roten Bäckchen über Sinn und Unsinn diverser Abnehmprogramme, als die Brettljause kommt. Es ist paradiesisch: Kaltes Schweinsbrüstl mit Kren, Geselchtes, fein aufgeschnittene Trockenwürste mit einem Hauch Wacholder, zartes Lendbratl und Kübelfleisch, eingelegt in Verhackert. Dazu knackig- milde Pfefferoni, die letzten Paradeiser und selbst gemachtes Schwarzbrot mit Kürbiskernen. Angelika öffnet ihren Rucksack und verteilt zärtlich die letzten Gurkenscheiben auf unsere Teller.
„Macht sich doch gut, das Grün, findest du nicht?“

Die Sonne geht gerade unter und taucht die umliegenden Hügel in warmes Licht. Weit in der Ferne steigt molliger Abendnebel auf wie Watte. Die „blaue Stunde“ hat begonnen und ich fühle mich wie Gott in Frankreich.
„Aber Kastanien“, sage ich zum Abschluss, „Kastanien holen wir uns schon noch!“

Text: Bibi Stift
Bild: sborisov / 123RF Stock Photo

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