Kulinarium: Provence, irgendwann im August.

Sommer, Provence, Kulinarium, WeinMit 13 habe ich mich in die Provence verliebt. Der Zeitpunkt war denkbar günstig, ich hatte meinen ersten großen Liebeskummer und wollte den von mir Auserwählten mithilfe magischer Mixturen dazu bewegen, die nächsten 60 Jahre mit mir zu verbringen. Im Zuge dieser Erkundigungen verschlang ich tage- und nächtelang einschlägige Literatur, las von Liebestränken, Verwünschungen und althergebrachten Zaubermitteln, sammelte Eberraute und Mädesüss in Vollmondnächten und streifte frühmorgens durch die Wälder, um halluzinogene Pilze zu finden. Eines Tages fiel mir eine Zeitschrift in die Hände, die vom Lavendel erzählte und von einer  Landschaft im Südosten Frankreichs, in der es meilenweit nur violette Felder gab. Ich entliebte mich auf der Stelle von jenem Jungen. Stattdessen wollte ich in die Provence!

Jahre später. Endlich bin ich dort. Ich fahre durch Marseille, Nizza, Toulon. Aber die bleibenden Eindrücke hinterlassen kleine, unbekannte Dörfer in denen ich übernachte. Ich suche ein Zimmer in einer gottverlassenen Gegend und lande in einem „Hotel“ dessen Verputz abbröckelt. Niemand ist im Foyer, als ich ankomme. Ich drücke auf die obligatorische Klingel und nach gefühlten 10 Minuten erscheint eine Frau mit Zigarette im Mund, sie wischt sich die Hand an einer speckig-glänzenden Schürze ab. Ich bin froh, französisch gelernt zu haben, mit Deutsch komme ich hier nicht weit.

Ich erkläre der Patronin, dass ich ein Bett brauche und Hunger habe, ob sie wohl so nett wäre, mir noch eine Kleinigkeit zu essen zu richten? Ihr Blick ist schärfer als jedes Bajonett, sie mustert mich von oben bis unten. „Oui„, sagt sie kurz angebunden, wirft nachlässig den Schlüssel auf die Theke und entschwindet in die Küche. Das Zimmer ist klein. Eine nackte Glühbirne baumelt von der Decke, der Blick aus dem Fenster verheißt nichts Gutes: Dort wartet der Friedhof.

Ich bin so müde, dass ich mit etwas Käse und einem Baguette schon zufrieden wäre, insgeheim rechne ich mit ein paar vertrockneten Toastscheiben und einem Glas Wasser. Als ich im leeren Gastraum Platz nehmen möchte, erscheint der PATRON: schwarze Bundfaltenhose, weißes Hemd, eine Karaffe Rotwein. Er fragt mich, woher ich komme, „Ah-Autriche ..!“ und plötzlich ändert sich sein Gesichtsausdruck. Er ruft ein paar Worte in die Küche, bittet mich in den Gastgarten und deckt nur für mich alleine unter einer alten Kastanie.

Ich koste vom Wein, er ist kraftvoll und geschmeidig. Der Wirt sagt mir, dass das Mittelmeer und der Mistral hier den Rotwein zu einem besonderen Tropfen machen. Ich kann nur zustimmen. Wenigstens trinken kann ich hier, denke ich, als die Wirtin plötzlich mit einem großen Topf kommt. Sie schöpft mir sichtlich stolz eine Bouillabaisse in den Teller. Ich koste und kann gar nicht fassen, was sie mir da kredenzt. „Sieben Fische!“, sagt sie, wären in der Suppe und dass ich Glück hätte ausgerechnet heute zu kommen. Das finde ich auch. Als ich nach der Suppe aufstehen will, werden ihre Augen ganz groß. „Non … non“, ruft sie, das wäre nur die Vorspeise gewesen.

Ich beschliesse, mich nicht mehr zu wundern. Nach einer halben Stunde serviert sie ein Hüftsteak mit provenzalischem Gemüse und Rosmarinkartoffeln. Das Fleisch ist rosarot gebraten, unendlich zart und zergeht auf der Zunge – Auberginen, Zucchini, Paprika und Olivenöl – mediterrane Gewürze – dazu dieser Wein. Ich fühle mich wie Gott in Frankreich. Und es stört mich auch nicht, dass ich alleine sitze. Als Krönung wird mir ein großer Becher Vanilleeis mit geschmolzenem Nougat de Montelimar serviert. Der Patron erklärt die Rezeptur: Wasser, Lavendelhonig, Pistazien, Mandeln, Eischnee, Vanille …

Ich geniesse und schweige. Später setzen sich die beiden zu mir und kredenzen Cognac. Ich bin der einzige Gast und werde bewirtet wie eine Königin. Am nächsten Morgen setze ich meine Reise fort. Lavendel und Sonnenblumen soweit das Auge reicht, verlassene Bauernhöfe, gelbblühende Felder, eine Wildschweinrotte, stundenlang kein Mensch. Ich muss an Vincent van Gogh denken und Patrick Süskind. Mein nächstes Ziel ist Grasse, die Hauptstadt des Parfums.

Text: Bibi Stift
Bild: 123rf.com

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