Kulinarium. Kann denn Kuchen Sünde sein?

ApfelstrudelDas Kochbuch meiner Großmutter beginnt ohne Einleitung mit den Mehlspeisen, was alles über den Stellenwert jener köstlichen Backwaren in unserer Familie aussagt. Sich das Buch mit leerem Magen oder inmitten einer sich selbst auferlegten Diät anzusehen, grenzt an Masochismus. Spätestens auf Seite 10 ( Kirschkuchen, SEHR FEIN, nach PRATO), beginnt der letzte Rest von Selbstbeherrschung zu bröckeln und man stürzt sich entweder auf die SCHOKO-LADE oder klingelt bei der Nachbarin, um sich unter Berufung auf einen akuten Unterzuckerungsanfall 2, 3 Rippen Trauben-Nuss von der lila Kuh auszuborgen.
Ich kann nichts dafür: Die Liebe zu den Mehlspeisen wurde mir in die Wiege gelegt.

Ich wurde um die Weihnachtszeit geboren. Zu diesem feierlichen Anlass musste Mitzi, der gute Geist des Hauses 4 Torten, 3 Guglhupfe, 3 englische Teekuchen und ungefähr 15 verschiedene Kleinbäckereien aus dem Backrohr zaubern.
Wenn man also bedenkt, dass einer der ersten Gerüche, den ich als Säugling in die Nase bekam, jener von Orangen-Zimt-Creme zwischen kakaohältigen Teigblättern war, braucht man nur logisch schlusszufolgern, was für eine große Mehlspeistigerin im Laufe der Jahre aus mir werden musste.

An hohen Feiertagen (sprich: jedem Sonntag!) wurde bei uns zum Nachmittagskaffee geladen. Zumindest ein simpler Germteigkuchen stand dabei auf dem Tisch, wobei das Wort SIMPEL im Zusammenhang mit den köstlich-flaumigen Gebilden, die nach Zitrone oder Rum dufteten, eine masslose Untertreibung darstellt. Als wäre das Backwerk nicht schon nahrhaft genug, wurde eine Schüssel steifgeschlagenes Schlagobers dazu gereicht, den man sich, je nach Lust und Laune, entweder auf den Teller tat oder seinen Kaffee damit verschönerte. Die Puristen in der Familie begnügten sich damit, die Sahne ohne Schnickschnack direkt in den Mund zu befördern.

An den Wochentagen kamen oft Marillen-oder Zwetschgenknödl auf den Tisch (hoch lebe die böhmische Küche!) und sämtliche Variationen von Strudeln, die man sich nur vorstellen kann. Der Strudelteig wurde dabei so dünn ausgezogen, dass man durch ihn hindurch die Zeitung lesen konnte, zerlassene Butter mit Semmelbröseln vermischt und als Untergrund auf den Teig gestrichen. Darauf folgten die jeweiligen Früchte, dann wurde der Strudel mit Hilfe eines sauberen Geschirrtuches auf das Blech gerollt.
Der erste Biss in einen noch warmen Apfelstrudel gehört ohne Zweifel zu meinen kulinarischen Lieblingsmomenten.

Ich muss gestehen, dass mir während des Schreibens der letzten Zeilen das Wasser im Mund zusammen geronnen ist. Dieser Umstand zwingt mich dazu, ohne weitere Verzögerung meine Küche aufzusuchen. In der Speis steht nämlich ein Kübel mit Kirschen, der, so habe ich soeben beschlossen, mit rumgetränkten Bröseln, Eischnee und VIEL Zucker zu Katharina Prato´s berühmtem Kirschkuchen umfunktioniert werden muss. Jetzt. Sofort.

Text: Bibi Stift
Bild: ppi09 / 123RF Stock Photo

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