Kulinarium. Grillen ist Männersache.

Grillen ist Männersache.Die Urinstinkte des Homo Sapiens, die im 21. Jahrhundert weitgehend verkümmert sind, werden an lauen Sommerabenden zu neuem Leben erweckt. Feuer machen, blutige Rinderlenden, halbe Schweine, wettergegerbte Gesichter und das archaische Gefühl sein Essen aus eigener Kraft und nur mit Hilfe rauchender Holzkohle zuzubereiten: Das ist es, was richtige Männer brauchen.

So sagt man. Bei uns ist das anders. Sobald der Göttergatte von bevorstehenden Grillfesten Wind bekommt, nimmt er Reissaus. In den Hobbykeller zum Beispiel und alles, was in den nächsten Stunden von ihm zu hören ist, ist der halbstündlich nach oben gerufene Satz: „Ist das Kotelett schon fertig?“ Man mag es sich kaum vorstellen, aber in unserem Haus bin ICH der Grillmeister – und das seit Anbeginn der gemeinsamen Zeitrechnung.
„Es tut mir leid, Liebling, aber Feuer machen, ewig warten, bis die Glut endlich passt, nach Rauch stinken und dabei auch noch ins Schwitzen kommen-nein, das ist nicht meins!“
Schon oft habe ich zaghaft versucht, die bessere Hälfte zu überreden, indem ich Schlagwörter wie FREIHEIT, NATUR, BIER(!) usw. in den Raum stellte: Vergebens.
„Ich weiss nicht,“ sagt er dann, „was so toll daran sein soll, das ganze Zeug nach draußen zu schleppen, wenn man es hier auf dem Ofen schneller und besser machen kann.“

 Mittlerweile habe ich mir abgewöhnt, vergebliche Überzeugungsarbeit zu leisten: Er hat es einfach nicht. Wenn ihr´s nicht fühlt, ihr werdet´s nicht erjagen, sag ich mir frei nach Goethe, räume meine Utensilien ins Freie und beginne, mich bald wie eine einsame Wölfin irgendwo da draußen zu fühlen.

Mein Grill ist kein hochmoderner, keiner mit Abzug und auch kein gekaufter. Ich habe ihn mir in mühevoller Kleinarbeit aus alten Ziegelsteinen gebastelt, die ich reihum aufschichtete, mit Luftlöchern dazwischen, damit das Feuer auch genügend Sauerstoff bekommt. Darüber liegt ein Gitterrost, den ich, weil die Ziegel locker sind, nach Belieben verstellen kann. Der magische Moment des Feuermachens wird richtiggehend zelebriert. Grillanzünder brauche ich nur im Notfall, normalerweise staple ich feines, trockenes Holz über Zeitungspapier, und erst, wenn die Holzspäne richtig schön brennen, folgt die Kohle. Das dauert zwar meistens, gibt mir aber das Gefühl, es richtig zu machen, weil in der Steinzeit hat man ja auch nicht mit Spiritus gearbeitet.
Wenn schon, denn schon, denke ich mir. Der Göttergatte neben mir verzieht spätestens hier das erste Mal sein Gesicht.

Grillen ist für mich viel mehr, als draußen Fleisch zu braten. Es gibt mir ein Gefühl der Unabhängigkeit weil ich nicht auf Elektrizität angewiesen bin. Wenn es schon dunkel ist, ist es am schönsten: Das flackernde Licht des Feuers beruhigt selbst die nervösesten Gemüter und später, wenn die Kohle nur noch glimmt und die ersten Steaks auf dem Rost liegen, zieht ein unbeschreiblicher Duft durch die Nacht. Weil meine Fleischstücke mindestens 12 Stunden in einer Marinade aus Balsamico, Honig und Sesamöl baden dürfen, werden sie butterweich. Frische Kräuter gebe ich erst zum Schluss dazu und meistens werfe ich noch 2, 3 Tannen-oder Wacholderzweige auf die Glut – ihr Rauch macht das gewisse Etwas aus.

„Das riecht aber gut!“, tönt es aus dem Keller und endlich erscheint der Herr des Hauses – zeitgleich mit den ersten Gästen, die ihre Nase in den Wind strecken, hungrige Gesichter bekommen und es nicht erwarten können, Rippchen, Hühnerbeine oder T-Bone-Steaks auf dem Teller zu haben. Wenn die Sonne sinkt, wird Knoblauchbrot aufgetragen und ein guter Weißer von der Südsteirischen Klassik. Ich bewirte meine Gäste und fühle mich ziemlich erhaben, weil ich Rinder, Schweine und Geflügel auf offenem Feuer zubereitet habe – wie vor 1000 Jahren.

Eine weisse Ascheschicht liegt über den letzten, noch heissen Kohlen. Die Menschen um mich herum sind satt und zufrieden, jemand stimmt ein Lied an. Ich schaue in die Runde und bin glücklich.
Der Göttergatte holt sich Bier aus dem Kühlschrank. Er fängt meine Blick auf.
„Na ja“, sagt er, „Grillen macht nun mal durstig!“

Text: Bibi Stift
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