Kulinarium. Fasten.

Tiramisu„Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen!“, so sprach meine Großmutter, meine Mutter und so spreche auch ich. Ich erlaube mir heuer, die Fastenzeit unter den reich gedeckten Tisch fallen zu lassen, weil ich 1. nicht fasten kann, wenn ich arbeite und 2. erkannt habe, dass ich mir nur selber die Augen auswische, wenn ich ein paar Wochen auf Deftiges verzichte.

Ich bemühe mich allerdings seit einigen Tagen, mich vernünftig zu ernähren. Die Schoko-Lade ist bis auf Weiteres geschlossen, geselchte Körperteile von niedlich dreinschauenden Borstentieren meide ich und cremig-fette Zuckergebilde bleiben dort, wo sie sind. In der Konditorei beispielsweise, die ich heute Vormittag mit einer Freundin besuchte. Standhaftigkeit zählt ja bekanntermaßen nicht zu meinen Charaktereigenschaften, deshalb habe ich wohlweislich schon zu Hause ein großes Stück Vollkornbrot mit Kresse zu mir genommen. Um den Magen zu füllen. Außerdem habe ich mutig an einer Möhre, die ich in einen Sauerrahmdip dippte, geknabbert, um mir den Heißhunger auf Süßes von vornherein zu verbieten. Es konnte also gar nichts mehr schiefgehen.

„Ich brauche keinen Zucker, um zu leben.“, suggerierte ich mir auf dem Weg in den Genusstempel. „Zucker ist böse. Zucker macht Karies und Zucker macht dick!“

Frohen Mutes betrat ich das Kaffeehaus. Dass es im Eingangsbereich schon nach fruchtigen Kuchen roch, machte mir überhaupt nichts aus. Ich vermied es heldenhaft, die einladende Theke zu studieren und ging schnurstracks in den Nichtraucherbereich, um zu erkennen, dass kein einziger Tisch mehr frei war. Ein älteres Paar sass an einem Sechsertisch und bot mir einen Platz an. Die Frau aß einen Indianerkrapfen. Das machte mir nichts aus, weil ich Biskuit mit Schokoglasur noch nie mochte. Ich bestellte einen Verlängerten und wartete auf meine Freundin. Sie, von der Natur mit einem schlanken Körper gesegnet, erschien gerade, als der Mann am Tisch einen Topfenstrudel mit Vanillesauce bestellte. „Das mag ich auch!„, sagte sie und mit einem Blick zu mir: „Du nicht? Topfen hast du ja so gern.“
„Ja, aber nur mit Kräutern!“, antwortete ich sehr überzeugend, „Ich zuckerfaste nämlich gerade!“
„Aha!“ – Ihr Blick sprach Bände.
Als der Strudel serviert wurde, wehte mir süße Luft, geschwängert mit Zitrone, Rum und Vanille um die Nase. Am Nebentisch delektierten sich 2 Kinder an einer Kastanienreistorte und mir wurde etwas schwummrig.
„Magst du kosten?“, fragte mein Gegenüber.

„Nein danke. Weisst du, es ist ganz einfach. Man muss nicht immer seinen Gelüsten nachgeben. DAS ist das wahre Fasten-sich selbst zu beherrschen!“ Ich war sehr stolz auf meine Worte und fühlte mich äußerst überlegen. Als der Kellner mit einer Erdbeersahneschnitte vorbeiging, wurde mir kurz schwarz vor Augen, aber ich schob es auf meine, seit Neuestem nachlassende Sehkraft.

„Ich brauche übrigens eine Brille“, erzählte ich meiner Freundin.

Plötzlich klingelte ihr Telefon.
„Entschuldige kurz.„, sagte sie und ging hinaus.
Nun waren wir allein, der Strudel und ich.

Die Topfenfülle rann über den Strudelteig hinaus, mitten in die sattgelbe Vanillesauce. Ein paar einsame Rosinen hatten es sich mitten im Teller bequem gemacht und ich spürte plötzlich aufkeimendes Mitleid. Rosinen sind ja bekanntlich getrocknete Weintrauben und Obst ist in meinem Fastenspeiseplan durchaus erlaubt. Ich schnappte mir mit zitternden Fingern eine davon. Herrlich, und so gesund fürs Gehirn. Da war noch eine, und noch eine. Für die nächste Rosine musste ich allerdings die Gabel zu Hilfe nehmen, weil sie mitten in der Topfenfülle steckte. Nun ja, Topfen ist, wie wir wissen, ein wichtiger Eiweißlieferant und weil ich sehr auf meine Gesundheit bedacht bin, genehmigte ich mir auch einen Bissen davon. Ein kleines Stück Teig wird wohl nicht schaden, dachte ich, vor allem, wenn ich ihn in die Sauce tunke-immerhin darf mein Blutzuckerspiegel nicht absinken. Das könnte fatale Folgen haben …

Nach 10 Minuten kam meine Freundin zurück. Der Teller war weg.
„Der Kellner…“, murmelte ich. „Er dachte wohl, du magst nicht mehr…“
Sie sah mich an und lachte. „Ist schon gut. Und? Was soll ich jetzt bestellen? „

 Text: Bibi Stift
Bild: Elisabeth Meier

One comment on “Kulinarium. Fasten.

  1. ChRis TiNe on said:

    (y) 😉

DieWeinpresse located at Wien , 1020 Wien, Austria . Reviewed by 4793 Reader rated: 4.8 / 5