Kulinarium. Ein Pilzling kommt selten allein.

Pilze sammeln. Und kochen.Ich kann mich noch gut erinnern, wie wir, meine Schwester und ich, an nebligen Spätsommermorgen von unseren Eltern um 5 Uhr früh mit den harschen Worten: „Aufstehen, Kinder! Wir gehen Schwammerl suchen!“ unsanft aus dem Schlaf gerissen wurden. Meine Mutter, eine begnadete Pilzaufspürerin vor dem Herrn, ließ keine Gelegenheit verstreichen, die Früchte des Waldes an sich zu reißen.
„Wenn wir sie nicht finden, findet sie der Nachbar!“, pflegte sie uns mit Vehemenz einzutrichtern, „und je eher wir losgehen, desto grösser wird unsere Beute sein!“
Sie sagte wirklich „Beute“, und in der Art, wie sie ging, oder auch lief, erkannten wir Kinder bald, dass das kein gemütlicher Spaziergang wird, sondern beinharte Knochenarbeit.„Schaut auf den Boden und nicht in die Luft!“
Das war ihr Standardsatz. Während wir uns schlaftrunken über ein, zwei Eierschwammerl freuten, hatte sie ihren Korb schon bis zur Hälfte mit Bärentatzen, Steinpilzen und Herrenpilzen gefüllt.
Mein Vater verhielt sich ähnlich entspannt wie wir Kinder. Ihm ging es eher darum, da und dort ein Reh, einen Hasen oder ähnliches Getier zu erspähen. Er sonderte sich meist von uns ab, um nach einer Stunde mit den herrlichsten Parasolen zurückzukommen, die man sich nur vorstellen kann. Ich weiß bis heute nicht, wo er sie gefunden hat. Er sprach auch nie darüber, sondern überreichte meiner Mutter mit den Worten: „Ich geh wieder heim!“ den gefüllten Korb und machte sich von dannen.Wir Kinder atmeten auf, dachten naiv, dass es jetzt wohl genug wäre, aber Mutter war im Jagdfieber.
„Wir brauchen noch Pilze“, rief sie mit hektischen roten Flecken auf ihren Wangen. „Ein Pilzling kommt selten allein! Schaut! Da vorne!“
Mit diesen Worten stolperte sie davon, hinein ins Dickicht des frühmorgendlichen Waldes.

Zwei Stunden später waren wir endlich erlöst.
Zu Hause wurden die Schätze auf den Tisch geleert, geputzt und zugeschnitten.
Zu Mittag gab es eine vorzügliche Schwammerlsuppe, mit kleingeschnittenen Erdäpfeln und viel Petersilie und Sauerrahm.
Als Nachtmahl gab es eine Schwammerlsauce mit viel kleingeschnittenen Erdäpfeln und Semmelknödeln. (und Petersilie).
Am nächsten Tag gab es Schwammerlgulasch, Schwammerl mit Ei, Schnitzel mit Schwammerlsauce, gebackene Pilze und so weiter und so fort.
Für karge Zeiten wurden Schwammerl in Essigsud eingelegt, getrocknet oder tiefgefroren.

Niemand kann mir verdenken, dass ich heute eher selten auf Schwammerlsuche gehe. Ich wurde einfach sattgefüttert. Und außerdem bin ich blind wie eine Nuss. Nein, Schwammerlsuchen ist nicht mein Ding …

Text: Bibi Stift
Bild: szakaly / 123RF Stock Photo:

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