Kulinarium: Die Schweiz

Als ich das erste Mal Schweizer Boden betrat, tat ich das in der Funktion einer „Serviertochter“ zu Anfang der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Ich war jung und unbedarft und hätte man mich um die Nationalspeise der Eidgenossen gefragt, wäre wohl wie aus der Pistole geschossen „Schokolade“ gekommen, nicht mehr und nicht weniger. Kurz – ich wusste rein gar nichts über die kulinarischen Gepflogenheiten unseres Nachbarlandes.
Das änderte sich alsbald. Nämlich als ich vier Jahre meines Lebens dort verbringen durfte und ich retournierte als erklärte Liebhaberin der Schweizer Küche. Alles begann mit einem fast profan zu nennenden Käsefondue im Bahnhofsrestaurant von Birr-Lupfig. Bitte frage man mich heute nicht mehr, wo jener magische Ort liegt, ich vermag es nicht mit Sicherheit zu sagen. Ich weiss nur, dass jenes allererste Fondue mich vom ersten Bissen an in seinen Bann schlug, mich durch und durch verzauberte und den ersten großen Grundstein für eine Leidenschaft legte, die mir glücklicherweise bis zum heutigen Tag erhalten geblieben ist.
Was in heimischen Supermärkten als Fonduemischung verkauft wird, würde ein Schweizer wohl nicht einmal in Gedanken essen. Das richtige Fondue besteht in der Regel aus 2 Käsesorten, nämlich Vacherin und Greyerzer, der für seinen kräftigen Geschmack bekannt ist, je nach geografischer Lage fügt man Appenzeller, auch Emmentaler hinzu. Der Käse wird in einem zuvor mit einer Knoblauchzehe ausgeriebenen Caquelon langsam erwärmt und bei Tisch über einem Rechaud warm gehalten. Ein Schuss Weisswein oder Kirschwasser, der zum Schluss beigefügt wird, soll die Verdauung erleichtern und den Geschmack vervollständigen.
Dazu passt schwarzer Tee oder ein leichter Weisswein, meist wird grüner Salat mit einem Dressing dazu gereicht. Bis heute bin ich zu meinem großen Bedauern nicht in der Lage dieses Dressing auch nur annähernd so gut anzurühren. Was den Charme eines Fondue aber letztendlich ausmacht, ist das Essen aus einem gemeinsamen Topf in geselliger Runde. In diesen Topf tunkt jeder Esser seine Brotstückchen, bis er zum Allerbesten kommt: dem angelegten und angebrannten Käse, der am Boden des Caquelon übrig bleibt.
Solcherart habe ich viele Abende in trauter Runde verbracht, Schwyzerdütsch gelernt und die Mentalität eines Landes erfahren dürfen, das ich vorher nicht kannte und das ich nur auf Uhren und Schokolade reduziert hatte.
Je länger ich in Luzern arbeitete, desto mehr kulinarische Offenbarungen erschlosssen sich mir: angefangen von Chäschuechli,, Röschti mit Eglifilet (Barsch) , Zürcher Geschnetzeltes, Meringue (Windbäckerei) mit Glace (Eiscreme) und so weiter und sofort. Es gibt noch vieles, ja Unzähliges, das sich anführen ließe, die Schweizer Küche hat viele verschiedene italienische, französiche und deutsche Einflüsse und lässt sich kaum in 3 Worten beschreiben. Und selbst die Trinkgewohnheiten gäben ein eigenes Kapitel ab. Das Fondue allerdings konnte ich mir nach Österreich hinüber retten: Zweimal im Jahr bringen mir meine Schweizer Freunde die „richtige“ Käsemischung  und wir feiern eine Reunion, die ihresgleiche sucht: An diesem Tag gilt noch die alte Regel: „10 Stockhiebe für denjenigen, der sein Brotstück im Topf verliert!“ Wir haben uns auf Liegestütze geeinigt und ich kann froh verkünden. ICH war noch nicht dabei!
Text: Bibi Stift

Foto: margouillat / 123RF Stock Photo

Comments are closed.

DieWeinpresse located at Wien , 1020 Wien, Austria . Reviewed by 4793 Reader rated: 4.8 / 5