Kulinarium: Backhenderl

BackhendlIch weiß, dass viele Menschen aus Gründen des Tierschutzes kein Fleisch essen. Ich weiß auch, dass viele Tiere unter fürchterlichen Umständen zum Schweinsbraten, zum Chateaubriand oder zum Lammrücken werden.  Ich für meinen Teil kann mir aber ein Leben ohne Fleisch nur schlecht vorstellen. Aber ich kaufe mein Fleisch nur bei Biobauern von denen ich weiß, dass das Tier zumindest ein artgerechtes Leben hatte. Es gibt inzwischen einige wenige aber sehr gute Landwirte, die zu Hause schlachten und den Tieren dadurch den Stress einer eventuell durch ganz Europa führenden Reise in engen Abteilen ohne Licht und Wasser ersparen. Seit jeher wird das Tier zur Fleischgewinnung genutzt und ich gebe gerne mehr Geld aus wenn ich weiß, dass der Weg  vom Stall zu meinem Teller nicht ganz so weit ist.

Ich kann mich gut an meine eigene Kindheit erinnern, als wir selber noch Hühner hielten. Das liebe Federvieh war überall in Haus und Hof und zu fressen bekam es Küchenabfälle, die von Chemie keine Ahnung hatten. Wenn mein Vater am Samstag ein Huhn am Kragen packte, sahen wir Kinder voller Neugier zu wenn sie dann ins Jenseits befördert wurden. Das ging immer schnell, kurz und schmerzlos aber manchmal flatterten noch kopflose Hühner den Weingarten hinab: „Das sind nur die Nerven“, sprach mein Vater, und wirklich, siehe da, nach einigen Sekunden war der Spuk vorbei.

Meine Mutter schnappte sich anschließend das Huhn, rupfte die Federn aus und zerteilte es fachmännisch. Wir wussten alle, was nun auf uns zukam: Ein wunderbares, schmackhaftes Backhendl, eines das nur zu besonderen Anlässen aufgetischt wurde. Dazu muss gesagt werden, dass ein Huhn für uns vier – Vater, Mutter und zwei Töchter – gerade ausreichte. Natürlich stritten wir alle uns immer um die besten Teile: den Haxn oder auf gut steirisch das Bügerl. Das Bügerl bekam derjenige, der am schnellsten den Tisch deckte und selbstverständlich waren wir Kinder dabei an vorderster Front. Wir rissen uns Besteck und Teller gegenseitig aus den Händen – nur um in den Genuss jenes saftigen, mit knuspriger Panier umhüllten Beines zu kommen.

Was meinem Vater den Verzicht auf sein heissgeliebte Bügerl möglicherweise etwas leichter machte, war eine besondere Spezialität meiner Mutter. Etwas das ich leider später nie wieder und in keinem Restaurant fand: gebackene Petersilie. Dazu wird ein Bund frischer Petersilie ins heiße Fett geworfen und kurz angebraten, dann sofort auf Papier abgetropft und zum gebackenen Huhn gereicht. Die solcherart frittierte Petersilie schmeckt sehr bitter, passt aber hervorragend zu dem knusprigen Huhn. Dazu gibt es Reis oder Erdäpfel oder auch beides.

Meistens war es Sonntag oder Feiertag, die Worte Stress und Hektik kannte man in meiner Kindheit  noch nicht. Mutter hörte Radio Steiermark, Vater schnitt die Weinreben oder genehmigte sich einen Frühschoppen und wir Kinder vertrödelten die Zeit bis zum Mittagessen draußen mit dem Hund. Wenn dann  die magischen Worte „Mittagessen ist fertig!“ erklangen, liess mein Vater schnell sein Achterl fallen und wir Kinder stürmten eilig und lautstark ins Haus.

Wir setzten uns an die gedeckte Tafel und schmausten bis uns beinahe die Bäuche platzten. Ich denke gern an diese Zeit zurück – und zu meinem Backhendl gibt es immer noch gebackene Petersilie!

Text: Bibi Stift
Foto wiktory / 123RF Stock Photo

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