Kantine versus Sternelokal

Vor einigen Tagen rief mich eine Freundin an und schlug mir vor, uns in ihrer Mittagspause in der werkseigenen Kantine zu treffen. Ich sagte zu, beschloss aber insgeheim mir vorher am Würstlstand meines Vertrauens ein paar Krainer und ein resches Kaisersemmerl einzuverleiben, um den ärgsten Hunger zu stillen und nicht Gefahr zu laufen, am Kantinenbuffet olfaktorisch und gustatorisch traumatisiert zu werden.

Essen und TrinkenWer auch nur einmal in einer Schlange zusammen mit hektisch-auf-die-Uhr-blickenden Mittagspauslern darauf gewartet hat, sich verkochten Gemüsegatsch und fasrige Fleischstücke, die beinahe sämtliche Aggregatzustände durchlaufen hatten, auf den Teller zu klatschen, wird mir sicher kopfnickend zustimmen: Ich betrete freiwillig keine Kantine!
Ich pfeife auf „gesunden“ Fisch, der nur mit viel Fantasie als solcher zu erkennen ist, weil er schon seit Stunden im Chafing dish vor sich hin dümpelt, in Blöcke gepresst und tiefgefroren beim Braten Wasser gelassen und in 5 x 5 cm grossen Vierecken in dicker Mehlpampe (Knoblauch-Zitronen-Sauce … lecker!) mein Auge beleidigt.
Ich pfeife auf aufgeweichte, bleiche Hartweizengebilde, die einmal eine Nudel gewesen sein müssen und  aufgrund ihres physikalischen Zustandes, ohne zu kauen die Speiseröhre hinunter befördert werden können. Bandnudeln, die den Begriff al dente noch nie gehört haben und Spaghetti, die in billigem Öl ertrinken,  andernfalls sie sich zu undefinierbaren Klumpen zusammen finden, sind nur 2 Beispiele, die es mir vor langer Zeit schon sehr leicht gemacht haben, auf die Annehmlichkeiten eines preiswerten und schnellen Mittagessens zu verzichten.
Ich pfeife darauf, mit vollbepacktem Tablett, auf dem Löffel, Messer und Gabel kaum Platz finden, weil das Wasserglas, das eh schon auf der Serviette steht, sich am Salatschüsserl reibt, das zwischen Teller und Ketchupflasche noch irgendwie Halt gefunden hat, einen Spiessrutenlauf durch Räumlichkeiten zu absolvieren, die den Charme einer aufgelassenen Fabrikshalle versprühen.
Und wenn man denn ohne nennenswerte Zwischenfälle (sprich: Glas kippt um, Sauce schwappt über, Salatblatt rutscht vom Tablett …) endlich einen Tisch erreicht hat, auf dem sich noch die Speisereste des bedauernswerten Vorgängers befinden, darf man sich darauf freuen, seinen Magen mit lauwarmen Fertigprodukten, deren Inhaltsstoffe sich lesen wie die Seite eines Chemiebuches, beleidigen zu dürfen.
Aus diesen nachvollziehbaren Gründen habe ich beschlossen, meine Hauptmahlzeit abends einzunehmen: Vorzugsweise in geselliger Runde und einer Örtlichkeit, in der man Fische mit Augen und einem Rückgrat erstehen kann – im besten Falle vom Patron selbst am frühen Morgen in den Markthallen gekauft – oder Wildbret, wacholdrig und in gehaltvollem Rotwein bereitet, mit Preiselbeerbirne, gerne auch Orangenscheibe oder Maronimus. Ein zartrosa gebratener Lammrücken mit einem Hauch Rosmarin, der die Nasenflügel in Erwartung des kommenden Genusses freudig erbeben lässt. Mit Äpfeln und Pflaumen gefülltes, knuspriges Geflügel, von Hand gerührte Majonnaise, verhalten nach Zitrone duftend usw.und so fort: die Liste ist endlos!
Kurz: der Tisch soll sich biegen wie auf den Gemälden der alten Meister. In irdenen Schüsseln frisches Obst – rubinroter Wein in funkelnden Kristallgläsern–als krönenden Abschluss Gorgonzola mit Butter passiert – ein Digestif – Voila!
Das nenn ich Genuss.
Text: Bibiana Stift

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