Intermezzo. Oder wie ich Genuss in den Alltag bringe.

Genuss im Alltag. SonnenuntergangNach einem anstrengenden Arbeitstag komme ich manchmal in einem Zustand nach Hause, den meine Lieblingsnachbarin als „down and out“ bezeichnet, sie kennt mich schon so gut, dass ein schwaches „Hallo!“ meinerseits ihr alles über die letzten 10 Stunden sagt und niemals wird sie mich in ein Gespräch verwickeln, dem ich nur halbherzig folgen würde. Wir schauen uns oft nur mit müden Augen an, beschließen zum 100sten Male, uns endlich einmal Zeit füreinander zu nehmen und wissen doch beide genau, dass es bis zu Weihnachten oder dem nächsten Geburtstag dauern wird.

Letzte Woche – es war ein wunderschöner Spätsommerabend – kam ich um 18 Uhr nach Hause. Der Hund bestand zu Recht auf seinem abendlichen Spaziergang und als ich das Gartentor öffnete, traf ich auf meine Nachbarin, die genauso müde wie ich, den Müll hinaus brachte. Ich sah uns beide wie in einem Film, 2 Frauen, die mitten im Beruf stehen und vor lauter Alltag vergessen, dem Leben Würze zu verleihen.

Spontan fragte ich, ob sie Lust hätte, mich auf unserem Spaziergang zu begleiten.
„Ja.“, sagte sie und plötzlich hatte ich eine Eingebung.
„Warte kurz!“ – Ich drückte ihr die Leine in die Hand, ging ins Haus zurück und schnappte mir meinen kleinen grünen Rucksack. Irgendwo im Kühlschrank musste noch ein Becher selbstgemachter Crevettencocktail darauf warten, verzehrt zu werden, ich schnappte mir ein paar Scheiben Weißbrot und ein Stifterl Riesling, packte 2 Gabeln, 2 Gläser und etwas Obst ein und derart ausgestattet trat ich vor die Tür.

Was machst du denn?„, fragte sie mich.
„Nix Aufregendes. Nur ein bisschen leben!„, antwortete ich.

Wir gingen eine halbe Stunde, dann hatten wir den Bach erreicht. Ein typischer, schmaler Bach in einer typischen kleinen österreichischen Gemeinde und trotzdem: es gibt da eine Stelle, an der man aufgehört hat, das Wasser zu begradigen -nach 2, 3 Metern steht man mitten auf einer romantischen Sandbank, umgeben von hohen Eichen und Erlen, ringsherum fließt und braust es und kleine Fische tummeln sich im klaren Wasser. Dort setzten wir uns auf einen dicken Baumstamm, der Hund ging baden und wir tranken Riesling aus der Flasche, knabberten am Weißbrot und ließen den lieben Gott einen guten Mann sein.

Über uns schwirrte ein Reiher. Als die Sonne unterging, hatten wir schon längst den Crevettencocktail genossen, sämtliche Gerüchte in der Nachbarschaft besprochen und beschlossen, dass der heutige Abend ein ganz Besonderer war. Der Hund kam nass und glücklich zurück. Schwarze Äste streckten sich in den Himmel – es war Zeit, zu gehen. Wir sprachen nicht mehr viel auf dem Heimweg, wir spürten eine stille Zufriedenheit.

Es ist so einfach, wenn man nur will.

Text: Bibi Stift
Bild: 123rf.com

Comments are closed.

DieWeinpresse located at Wien , 1020 Wien, Austria . Reviewed by 4793 Reader rated: 4.8 / 5