Drei Stunden Genuss.

Der erste Frühlingssonntag in Salzburg

SalzburgAls ich am Morgen den Vorhang zurückschlage und das Fenster öffne, höre, rieche und spüre ich es: Frühling! Kein Schneewind zwickt fies meine Nasenflügel, sie werden von warmen Sonnenstrahlen gekitzelt. In den Bäumen hinter meiner kleinen Siedlung probiert ein Vogel, ob sein Zwitschern so fröhlich klingt wie im letzten Jahr. Frühes Kinderlachen ruft mich nach draußen, das Rauschen des Föns fährt mühelos in Herz und Seele meines stillen Seins. In der nächsten Sekunde weiß ich, wo ich den Vormittag verbringen werde.

Mangels Heizung ist die Franziskanerkirche das letzte Refugium des Salzburger Winters, in manchen Jahren bis in den Sommer hinein. Sohin wird auch von heftigen Frühlingsgefühlen umflatterten Besuchern wärmstens anempfohlen, in puncto Kleidung entsprechend vorzusorgen. Auf dem sonnenüberfluteten Platz vor dem Haus für Mozart werde ich den leisen Verdacht nicht ganz los, ein Weichei zu sein ob meiner übertriebenen Vorsicht – eng geschlungener Schal und bis nach oben zugeknöpfter Wintermantel –, aber kaum ist das schwere Portal hinter mir zugefallen, lobe ich mich dafür. Auch wenn die Stunde in dem Gotteshaus für mich untrennbar mit einem gelungenen Sonntag in der Altstadt verbunden ist, gibt es keine Kirchenvorschrift, nach der man mehr frieren muss als unbedingt notwendig. Dankbar kehre ich nach dem Auszug der Padres der Kälte den Rücken und der Wärme mein Gesicht zu.

Schon die kurze Strecke durch die Sigmund-Haffner-Gasse zum Café Tomaselli macht die freudige Hinwendung der Menschen zum Frühling deutlich. Sie rennen nicht mehr in stoischem Trotz gegen kalten Wind an, setzen hingegen ihre Schritte im Takt gelassener Zufriedenheit. Der Weg ist wieder das Ziel, von einem Schaufenster zum nächsten, vorbei am Straßenmusiker beim Höllrigl nach rechts auf den Alten Markt. Blicke nach oben gelten nicht länger der Angst vor Dachlawinen, sondern jener zeitlos schönen Architektur, die Reisende aus aller Welt anzieht und staunen macht. Viele davon betreten das über drei Jahrhunderte alte Kaffeehaus, meine nächste Station.

EspressoZum Glück an diesem Sonntag passt der Mann rechts vom Eingang des Tomaselli, der zeitgerecht bei meinem Eintreten in seinen Mantel schlüpft. Durch Brillenetui und Oberbekleidung meine Anwardschaft auf Tisch und Platz verdeutlichend, organisiere ich rasch die tagesaktuelle Ausgabe des Standard, bevor ich mich, mit aller Welt und mir selbst im Reinen, auf die weiche Lederbank fallen lasse. Das tiefe Grunzen berichtet jedem, der es hören will, dass die Tore meines Glückszentrums heute weit offen stehen. Nicht nur ich weiß davon. Der alte Professor schaut von seinem Stammplatz neben mir freundlich über den Rand seiner Brille und ruft dem vorbeieilenden Kellner zu, „noch einmal das Übliche“ zu bringen – ein Achterl Grüner Veltliner, das Kellner Alfred, eine der bewährten Stammkräfte des Hauses, Minuten später serviert. Während der Herr darauf wartet, spielt er mit den knorrigen Fingern seiner rechten Hand eine Melodie auf dem Marmorklavier des Tisches, die nur er kennt und vielleicht seit Jahrzehnten in seinem Herzen trägt.

Warum nicht einmal das Tomaselli auf seine Weine testen, fällt mir spontan ein. Ich greife nach der Karte um zu sehen was mein Tischnachbar eben bestellt hat. Grüner Veltliner vom Weingut Jamek, Joching in der Wachau, die Jahreszahl fehlt. Ich lasse mir ebenfalls ein Glas bringen. Gleich darauf leuchtet mir helles Grüngelb entgegen, mit deutlich dunkleren Reflexen. In der Nase erkenne ich reife Früchte, dazu ein deutlich erdiges Aroma mit Kräutern im Hintergrund. Der erste Schluck jedoch enttäuscht: Die Säure ist auf der Zunge und am Gaumen viel zu aufdringlich, sie lässt keinerlei Nuancen zu. Ich spüle mit einem Schluck Wasser nach und probiere es noch einmal. Im Abgang wird der Eindruck ein wenig breiter, aber gesamt bleibt nur die Erkenntnis, dass das Renommee eines Kaffeehauses nicht unbedingt für guten Wein stehen muss. Demnächst werde ich den Frizzante probieren, der rund um mich die Damenrunden erfreut.

Mein ureigenstes Ansinnen im Tomaselli ist ohnehin die Melange, für mich eine der besten Salzburgs. Der erste Löffel Schlagobers nähert sich meinem Mund. Diesem genussvollen Moment widme ich jede Sekunde die dafür nötig ist –  warte, bis er sich in jeder Zelle meines Körpers ausgebreitet hat. Sogleich funken alle Empfänger die Botschaft des Tages an die Brücke retour: „Captain, es geht uns gut!“

Der zweite Teil ist hier zu finden.

Text: Hannes Glanz
Bild: hiro1775 / 123RF Stock Photo

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