Glaskultur und Trinkgenuss.

Wein einschenken. Aber in welches Glas?Ein G’schichtl über Freaks, Stiefkinder und Gedanken an einen Waldrapp.

Österreich und Glaskultur, eigentlich unzertrennlich und in einem Atemzug zu erwähnen, denn ein Tiroler Glashersteller zählt zu den Vorreitern der gepflegten Glaskultur. Ihm ist es irgendwie auch zu verdanken, dass Römergläser und sonstige Glasunarten langsam aber sicher aus den Regalen unserer Restaurants verschwanden und von dünnwandigen Gläsern abgelöst wurden. So vielfältig die Weine dieser Welt sind, so vielfältig ist auch die Welt der Weingläser, beinahe schon unüberschaubar.

Ein (Wein-) Freak sein hilft ungemein
Sieht man sich das Sortiment renommierter österreichischer Glashersteller an, wird einem bewusst, dass es beinahe für jede Art von Wein das entsprechende Glas gibt. Wer was auf sich hält hat eben nicht nur zwei unterschiedliche Glastypen für Weiß- und Rotwein zu Hause.
Grüner Veltliner, Riesling, Chardonnay und Co. verlangen förmlich nach dem einzig wahren Glas um Vollendung zu erlangen. Bei Rotweinen kann das Spiel mit dem passenden Glas sogar noch etwas erweitert werden. Reserve- und Große Reserve- Gläser gehören da schon fast zur Grundausstattung. Na und wenn wir schon beim Investieren in die Glaskultur sind, dann müssen nicht nur für Chianti, Bordeaux und Pinot Noir die passenden Gläser her, auch Neue-Welt-Weine möchten sich, im eigens dafür konzipierten Glas, wohl fühlen können. Auch wenn’s nur zwei oder drei Flaschen in fünf Jahren sein sollten, Zinfandel im Universal Rotweinglas, das geht einfach nicht.

Der wahre Weinfreak scheut weder Mühen noch Kosten. Frei nach dem Motto, jedem Wein sein Glas, wird die Vitrine entsprechend bestückt, bis er irgendwann feststellt, dass drei unterschiedliche Glastypen völlig gereicht hätten.

Das gläserne Stiefkind
Schaumwein, auch als Sekt bekannt, hat in Österreich noch immer den Stellenwert eines Getränks für besondere Anlässe, obwohl Sekt- und Glasproduzenten bemüht sind, den Stellenwert des prickelnden Genusses ins rechte Licht zu rücken. Na bitte, wer sagt’s denn, da sind wir auch schon wieder bei der Glaskultur. Während unsere Sektproduzenten seit vielen Jahren mit großartigen Produkten aufwarten, die den internationalen Vergleich nicht zu scheuen brauchen, straucheln wir da ein wenig bei der Glaskultur.
Ob bei irgend welchen privaten Feierlichkeiten, im Wirtshaus und sogar in der gehobenen Gastronomie, du kriegst deinen Schaumwein, wenn du es nicht ausdrücklich anders bestellst, fast immer in einer Sektflöte serviert. Egal, wie hochwertig dieses Ding ausgeführt ist, es handelt sich im wahrsten Sinn des Wortes um ein Unding. Die Flöte wird einem guten Sekt nicht gerecht! Selbiges gilt auch für die berühmt berüchtigte Champagnerschale, der man zwar nicht ganz so oft begegnet wie der Sektflöte, aber auch das ist bereits zu viel.

Während man bei den Weingläsern von übertriebener Vielfalt sprechen kann, muss der Sekt anscheinend ein Dasein als Stiefkind akzeptieren. Nein, muss er nicht! Zum Glück gibt es sie, die Flöten- und Schalenverweigerer, die sich die Vielfalt der Weingläser zu Nutze machen und ein etwas größeres Weinglas für ihren Sektgenuss wählen. Ja, jetzt kann sich der Sekt richtig entfalten und seine gesamte Finesse zeigen.

Einige LeserInnen werden sich wahrscheinlich die Frage stellen, was denn mit der Glasindustrie los wäre, weshalb diese nicht entsprechend reagiere? Keine Sorge, es tut sich was im Bereich passendes Sektglas.

Präsentation des neuen Riedel Sektglases
Bei der Kick-Off Veranstaltung zum Tag des österreichischen Sekts, am 21. Oktober 2016, wurde ein völlig neues Sektglas vorgestellt. Der renommierte Glashersteller Riedel entwickelte gemeinsam mit der Österreichischen Wein Marketing und dem Österreichischen Sektkomitee ein Glas, das allen Anforderungen gerecht werden sollte. Eine große Herausforderung für das Entwickler Team, das sich aus Sektherstellern, Winzern, Sommeliers und Fachleuten aus Handel und Presse zusammen setzte. Das Ergebnis kann sich sehen lassen …

Premiere – ich halte dieses Glas erstmals in Händen
Wahrlich, ein hübsch anzusehendes, sehr elegant wirkendes Glas, das auch sehr gut in der Hand liegt. Da wird die Verkostung wohl zu Arbeit mit Freude und Genuss werden? Einige Innovationen dieses Glases traten sofort positiv in Erscheinung. Feinperlig stieg die Kohlensäure hoch, ohne sich gleich in den Weiten der Halle zu verlieren. Wirklich eine Augenweide, dieses Mousse. Das leicht bauchige Glas begünstigt auch die Gesamtstruktur des Geruchsbilds. Der Sekt kann sich in diesem Glas wirklich voll und ganz entfalten.

Tolles Design sagen Augen und Nase und machen Gusto auf den ersten genüsslichen Kostschluck.

Ein Waldrapp sollt’ ich sein
Was optisch stimmig ist, muss zwangsläufig nicht unbedingt mit guter Handhabung in Einklang stehen. Glaslänge, Bauchigkeit und Durchmesser des Glasrandes entsprechen allen ästhetischen Anforderungen, nur das mit dem Probeschluck war etwas gewöhnungsbedürftig. Der Durchmesser des Glasrandes ist größer als der einer Sektflöte, aber kleiner als der eines durchschnittlichen Weinglases. Im Klartext, es bedarf nicht einmal eines überdimensionierten Riechorgans um eine modifizierte Trinktechnik entwickeln zu müssen. Unweigerlich dachte ich an einen Waldrapp, der mit seinem langen Schnabel wesentlich bequemer aus diesem Glas hätte trinken können. Aber wie mir von einem befreundeten Ornithologen versichert wurde, trinkt ein Waldrapp keinen Sekt.

Gewonnene Erkenntnisse und Schlussfolgerungen
Zugegeben, dieses Sektglas wird allen Anforderungen des österreichischen Sekts gerecht, was man von den Anforderungen an einen genussvollen Trinkfluss leider nicht behaupten kann. Der Durchmesser vom Glasrand sollte etwas größer sein, dann gäbe es auch trinktechnisch nichts zu bemängeln. Da ich ein Genussmensch bin und unkomplizierten Trinkfluss bevorzuge, werden das neue Sektglas und ich wohl keine engere Beziehung eingehen können. Ich werde also auch in Zukunft beim Wirt meinen Sekt im Rotweinglas bestellen und dafür eventuell unverständliche, manchmal auch dämliche, Blicke ernten.
Gefahrenhinweis: Dieser Artikel beinhaltet die Allergene „persönliche und subjektive Gedanken des Schreiberlings“. Das Lesen dieses Artikels kann Nebenwirkungen wie Ärgernis hervorrufen und erfolgt daher auf eigene Gefahr!

 Text: Andy Bigler

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