Gereifte Weine. Das ultimative Weinerlebnis?

Wein, Reifen und AlternEs ist möglicherweise eine Frage des Zugangs oder auch des vorgeprägten Geschmacksbilds, das sich bei jedem Menschen im Lauf seines Lebens entwickelt. Also lässt sich die getitelte Frage nicht so einfach  beantworten.

Wir alle lernen in unserer Kindheit, wir nehmen Geschmacksbilder an und Vorbilder auf. Bilder, die lehren was gut schmeckt und was nicht. Und weil wir irgendwann in die große Welt hinaus dürfen und von Grund auf neugierig sind, probieren wir vieles aus. Auch Dinge, die nicht in das erlernte Geschmacksbild passen. Wir nennen das „sich einen Zugang“ verschaffen. Leider ist es nicht immer so einfach, sich zu irgendetwas Zugang zu verschaffen. Viele Zugänge sind doch wieder vorgegeben, so auch der zu den gereiften Weinen. Was werden wir in den nächsten Monaten immer wieder in Fachzeitschriften, Tageszeitungen, TV und Radio lesen und hören? Berichte, Lob und Tadel der neuen Jahrgänge. In diesem Fall wird es den aktuellen Weißweinjahrgang betreffen und eher nicht die Vorgängerjahrgänge oder gar wirklich alte Kaliber. Aus einer Marketing-Sichtweise ist das auch durchaus nachvollziehbar. Intensiv beworben wird was neu ist und wovon auch entsprechende Mengen verfügbar sind.

Diese Vorgehensweise führt dazu, dass die „Zugangstüren“ zu den gereiften Weinen oftmals verschlossen oder zumindest schwer zu öffnen sind. Von hundert Verkostungseinladungen sind im besten Fall zwei dabei, die reifen Weine betreffen. Ergo ist es für den privaten Weinliebhaber nur sehr schwer möglich, sich ein persönliches „Altwein-Geschmacksmuster“ aufzubauen. Was man nicht kennenlernen kann, kann man wohl auch nicht lieben lernen.

Wenn der Weingenießer aber nun doch eine Einladung zur Verkostung reiferer Tropfen erhält kommt es immer wieder zu recht herben Enttäuschungen. Gereifte Weine schmecken anders als junge Weine, sie treffen das gewohnte Geschmacksmuster nicht. Seit mehr als 10 Jahren bereits kommen Weine sozusagen im „Babykostüm“ in den Handel, glänzen mit Primärfrucht, Spritzigkeit und Frische und manchmal auch mit exotischen Noten. Auch wenn viele Winzer und Fachkundige das wohl nicht gerne hören, der aktuelle Jahrgang ist nicht einmal halbwegs gereift, wenn er in den Handel gelangt. Ganz im Gegenteil brauchen diese Jahrgänge ab dem Zeitpunkt des Verkaufs noch mindestens 3 Monate um halbwegs harmonisch zu werden.

„Harmonisierung des Gesamteindrucks“, heißt der Fachterminus, genau das passiert bei der Reifung eines Weins, ein eventuell etwas vordergründiger Alkoholgehalt wird mit den Extrakten der Fruchtnote elegant verwoben. Auch das anfänglich manchmal sehr kräftige Säuregerüst bindet sich ein und sorgt für Komplexität und Harmonie. Diese Wandlung innerhalb der ersten acht bis zwölf Monate erfreut die meisten Konsumenten, denn Frische und Lebendigkeit wurden nun harmonisiert, sind aber immer noch vordergründig wahrnehmbar. Reift nun ein Wein unter optimalen Lagerbedingungen, entwickelt sich seine wahre Größe. Sein Gesamteindruck ist mit dem ehemalig jugendlichen Geschmacksbild nicht mehr vergleichbar. Für einige von uns ist ein gereifter Wein wesentlich angenehmer als ein Junger, aber man könnte auch sagen, gereifte Weine werden nur dann bevorzugt, wenn ihre Entwicklung verstanden wird und der Konsument mit den damit verbundenen Geschmacksveränderungen vertraut ist. Anderenfalls wird die spritzige Primärfrucht wohl schmerzlich vermisst und der Weingenießer kann sich an der Harmonie des Alters wenig bis gar nicht erfreuen.

Sollten Sie zu diesen Genießern zählen, denen Tür und Tor zu den Altweinkellern dieser Welt bisher verschlossen war, dann nehmen Sie unbedingt jede sich bietende Gelegenheit wahr, um sich mit allen Sinnen in die Thematik „reife Weine“ einleben zu können. Denn nur so lässt sich eines der großen Sinneserlebnise erfahren. Versuchen Sie es selbst.

 

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