Fastenzeit: Abstinenz von der Lebensfreude?

Mangowasser.Am Aschermittwoch begann die „große Faste“, die 40-tägige Fastenzeit. Sie darf von „kleinen Auferstehungstagen“, den Sonntagen unterbrochen werden, aber ansonsten gibt sich der Büßer dem Fasten hin und wartet auf Ostersonntag. Es gibt wohl nicht mehr ganz so viele Büßer, die sich dieser Form der Buße hingeben. So mancher versucht reinen Tisch zu machen, aber der Mensch ist eben schwach und der eine vergisst dabei schon einmal ein paar Millionen und der andere greift zum Stück Schokolade. Dennoch kenne ich eine Reihe von Menschen, die sich die Fastenzeit als festen Zeitraum in ihren Kalender eingetragen haben. Sie möchten in dieser Zeit nicht Buße tun aber bewusster mit sich und ihrem Körper umgehen. Für eine Kollegin ist es der Verzicht auf Cola und Chips für einen anderen Bekannten der komplette Verzicht auf Alkohol. Genuss unterbinden um sich selber ein ganz klein wenig zu kasteien. Also doch ein wenig das Büßerhemd anziehen? Denn wir leben alle doch die meiste Zeit recht gut, wir lesen hier mit und erfreuen uns über tolle Weine und lieben die Kulinarik. Da können ein paar Tage Verzicht nicht ganz verkehrt sein?

Dies oder ähnliches denke ich mir auch immer zu dieser Zeit, aber meist ist der Geist willig – aber das Fleisch schwach. Gute Ausreden sind dann ein Urlaub in Südafrika (in der Zeit kann ich ja wohl nicht auf das sensationelle Angebot an Speisen und Getränken verzichten), ein berufliches Abendessen oder eine Geburtstagsfeier. Darüber ärgere ich mich meistens, daher habe ich mir irgendwann einmal Gedanken darüber gemacht, ob Fasten auch wirklich mit dem Verzicht auf Lebensfreude einhergehen muss und ob ein gutes Glas Wein wirklich immer zur Lebensfreude dazu gehören muss.

Das Glas Wein kann die Lebensfreude unterstützen aber es ist nicht der Dreh und Angelpunkt der kulinarischen Genüsse. Und ebenso ist es bei den Gerichten. Es muss nicht immer der Teller Nudeln als „Primi“ sein. Auch muss es nicht immer das Brot mit Olivenöl sein, oder die Kartoffel in der Traumsauce um aus einem Gericht ein Gedicht werden zu lassen. Am Ende reicht auch der Espresso aus und das Dessert bleibt in der Küche.

Lebensfreude geht auch ohne Dessert, Nudeln, dicke Saucen und fette Weine. Es liegt viel mehr an uns selbst , uns einmal genau zu überlegen, wo wir von den gewohnten Pfaden abweichen können und uns ganz neue Momente der Lebensfreude in der Fastenzeit erarbeiten können. Fisch und Fleisch zubereitet nur mit Gemüse und exotischen Früchten. Oder vielleicht einfach in die Kochbücher unserer Großmütter schauen, die haben in der Fastenzeit auch nicht nur gelitten. Zum entdecken der Lebensfreude in der Fastenzeit gehört für mich auch, viel mehr selber zu kochen. Weniger Restaurantbesuche sorgen für mehr Restgeld auf dem Konto und somit zu mehr fastenzeitlichem Spielgeld für neue Entdeckungen in der großen Kochbuchbibliothek. Geld sparen und trotzdem mehr genießen, da empfinde ich ein großes Maß an Lebensfreude und fühle mich sehr wohl dabei. Ich gönne jedem guten Gastronom seinen Umsatz. Aber noch mehr freue ich mich, wenn die Entdeckungsreise in der eigenen Küche Freude macht.

Niemand muss auf Lebensfreude in der Fastenzeit verzichten, wir müssen nur bereit sein unsere schon immer eingeschlagenen Wege zu verlassen und schon öffnen sich ganz neue Welten des Genusses in einer Zeit in der es sonst eher karg zu gehen sollte. In diesem Sinne viel Spaß bei der Entdeckungsreise durch die Fastenzeit. Wir hatten gestern Abend Thunfisch auf einem Mangobett und frischen Bohnen. Dazu einen ganz ausgezeichneten Orangensaft und allerbestestes deutsches Mineralwasser. Und dabei haben wir keinesfalls auf Genuss verzichtet, aber auf eine lange Vorbereitungszeit.

Text: Patrick Meier
Bild: Meier

2 comments on “Fastenzeit: Abstinenz von der Lebensfreude?

  1. Fritz-Ulrich on said:

    Ich halte es während der Fastenzeit immer so, dass es dann „Herrgottsbscheißerle“ Schwäbische Maultaschen mit einer Füllung von Streifen vom Schnitzel gibt. An anderen Tagen gibt es gesottene Ochsenbrust unter dem Gemüse versteckt oder Fisch in allen Variationen. Sonntags erfreue ich mich dann an Sauerbraten, Rindsroulade oder gut abgehangene Rinderlende. Man sieht, Fasten kann schon mühsam sein.

DieWeinpresse located at Wien , 1020 Wien, Austria . Reviewed by 4793 Reader rated: 4.8 / 5