Espresso. Ist die Tasse halb voll oder halb leer?

EspressoEin kleiner Maiausflug mit Freunden oder Familie, abseits von den alltäglichen Pfaden und Stammkaffees birgt ganz besonders zum Thema Kaffee so seine Tücken. Denn bei der sonnigen Stadtflucht darf trotzdem die kleine gewohnte Stärkung keinesfalls  fehlen. Besser gesagt – was wäre so ein Tag ohne Kaffee. Verlangt der Gaumen nach einem einfachen oder doppelten Espresso, so gibt es wohl größtmögliche Chance auch das zu bekommen was diesen Erwartungen entspricht. Vorausgesetzt die Bilder von Crema, Menge und Geschmacksdichte sind nicht allzu konkret.

So sehr mir der Sinn nach persönlich geführter Gastronomie steht  – mit allen Schrulligkeiten die dazugehören dürfen – so sehr gibt es doch so manches bei dem ich mir wünsche, dass es auch so kommt wie ich es bestellt hatte. Oder zumindest ich darauf aufmerksam gemacht werde, dass das Gelieferte eben anders ist. Im Visier steht wie immer hier Kaffee und diesmal gar nicht so sehr die Qualität, eher lediglich die Rezeptur der Klassiker. Zeitgemäß gebräuchliche Zubereitungen und nicht die zum Teil schon etwas überlebten und angestaubten fünfhunderdreiundfünfzig Kaffeerezepte der alten Schule. Beginnen wir wieder beim kleinen Schwarzen. Gut ist, er ist heute fast nur noch in der Zubereitung als Espresso anzutreffen. Ohne kleinlich zu wirken, 7g frisch gemahlener Kaffees, 25 ml heißes Wasser, gekrönt von einer dichten, feinmarmorierten Crema in einer dickwandigen sauberen konischen Tasse mit gemäßigtem Durchmesser – den Rest belassen wir heute als Geschmacksache.

Mein heutiges Verlangen ist kurz und kräftig, nur ein Espresso kann meinen Gaumen befriedigen. Was aber hier vor mir Platz findet, entschuldige ich maximal als kleinen Fehler, kein Wunder bei so viel Betrieb. Aber auf diesen gelieferten Verlängerten wartet bestimmt bereits ein anderer Gast. Sie haben es erahnt, lieber Leser, es hätte ein „kleiner“ Schwarzer (mit Haltbarsahnebecher) sein sollen. Ohne Umwege folgt auch gleich die Argumentation der Wirtsleute – die ich leider aus eigener leidvoller Erfahrung bestätigen muss. Die Tasse müsse bis zum Rand voll sein, sonst würde es Beschwerden hageln. Der sich betrogen fühlende Gast reklamiert hier die 2 cl heißes Wasser, die  den Kaffee untrinkbar machen. Der Wirt erspart sich gar nichts, denn die 7g Kaffee bleiben gleich – ob Verlängerter oder Espresso.

Meiner Anregung lege ich gerne einen Lösungsvorschlag bei, gemäß einem entdeckten Schild an der Bürotüre einer mir bekannten Chefetage: „Bringen Sie zu Ihrem Problem drei Lösungsvorschläge mit.“ Der leicht lösbare Fehler liegt an der zu groß geratenen Designertasse. Bitte, lieber Gastronom,  lassen Sie dem kleinen Kaffee auch den gleichen würdigen Platz, den Ihren kleinen feinen Speisen auf dem großen Teller zusteht oder überdenken Sie die Anschaffung einer passenderen Tassengröße. Auch ein beiläufiger Satz der charmanten Servierkraft beim Abstellen des Kaffees könnte lauten: „Wenn er für Sie zu stark ist bringe ich Ihnen gerne noch etwas heißes Wasser“.

Und damit ist auch schon die Basis für die folgenden Rezepturen geschaffen. Die der weiß getrunkenen. Melange, Capuccino, Café latte, Latte macchiato, Café macchiato. Sie entstehen alle aus einem kleinen Espresso und nur durch die frische und durchgehend feinporig geschäumte Milch. Also bitte keine unverlangt kakaobemusterten Schlagobershäubchen darauf. Bewahren Sie die Klassiker, damit der Gast das bekommt wonach Ihm der Sinn steht und servieren Sie in aufsehenerregenden Gläsern Kaffeekreationen mit mehreren Farb- und Geschmacksschichten und umwerfenden Dekorationen.

Den Gästen mit auf den Weg gebe  ich – üben sie konstruktive Kritik im freundlichen Umgangston, wenn Sie nicht bekommen was Sie sich erwarten und sparen Sie nicht mit Lob wenn es schmeckt. Damit bekommen auch die Volltassentrinker einer anderen Stellenwert.

Text: Peter Steininger
Bild: 123rf.com

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