Eine Lanze für das Butterbrot

Können Sie sich an ihr letztes Butterbrot erinnern? An das Gefühl der kalten Butter auf dem vielleicht sogar getoasteten Stück Brot? Wenn das würzige Brot dem Kiefer genau den richtigen Widerstand entgegenbringt und knackend oder krachend beim Hineinbeißen die kalte, etwas süße Butter den Geschmack nach Gebäck, nach Gewürztem und Gebackenem noch unterstreicht und die Feinheit der Teigmischung heraushebt. Wenn die guten Vorsätze des Bäckers noch im letzten Winkel des Gaumens zu spüren sind und wenn die Zunge sieht was die Nase  längst schon errochen hat, dass nämlich der Erzeuger dieses Stollens einfach nur eins wollte: Endlich den Genuss des Echten bringen, des Wahren, des Leidenschaftlichen. Brot. Unterstrichen und Überstrichen. Von Butter.

Wenn die Kruste krachend in kleine Stückchen zerfällt, die im Mund langsam dahinschmelzen. Wenn die weiche Krume sich auf der Zunge mit der kalten Butter vermischt und das Geschmackskunstwerk seinen Höhepunkt erfährt im Ertasten auch der kleinsten Aromaspuren der verschiedenen Gewürze, Kümmel, Anis, Fenchel, Koriander und Salz. Wenn der Mund alle Erfahrungen der Nase und der Zunge langsam und bedächtig erforscht. Ja, dann haben unsere Geschmacksnerven eine kleine Glückseligkeit erfahren.

Erinnern sie sich an die frühen Genüsse ihrer Kindheit? An den Moment als die Mutter ein würziges Stück Brot mit Butter bestrich, als sie die kalte Butter auf das Messer genommen und mit einem langen, gleichmäßigen Strich auf dem Brot verteilt hat. Messerrückendick. Und mit einem liebevollen Blick dem nach Geschmack hungrigen Kind das Produkt ihrer Hingabe zugeschoben und ein aufmunterndes Lächeln geschenkt hat, ja, nimm und iss und genieße dieses einzigartige Kunstwerk der heimischen Esskultur.

Ich finde, dieses Stück Backwerk, dieses – so die Qualität des Brotes herausragend genug ist es zuzulassen – würzige, geschmacklich vollendete und dabei so einfache Geschmackskunstwerk hätte die Beachtung eines großen kulinarischen Ausstellungsstückes verdient. Genau so sehr, wie heute die Trüffel- und Confisserie oder Wildzaubereien unserer großen Kochkünstler.

Ich breche eine Lanze für das Butterbrot.

Text: Gregor Klösch
Bild: artono9 / 123RF Stock Photo

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