Ein Frankfurter in Wien

Wiener Würstchen, FrankfurterAls ich mit 18 den Duft der großen, weiten Welt kennenlernen wollte, zog ich nach Graz, um an der dort ansässigen Universität zu inskribieren. Bald hatte ich herausgefunden, dass das Studentenleben Dinge zu bieten hatte, die es in meinem verschlafenen Heimatort nicht einmal annähernd gab, zum Beispiel Kneipen, die bis 4 Uhr früh offen hatten und Würstlstände, die, wenn man aus besagten Kneipen hinausgeworfen wurde, den hungrigen Erstsemestrigen morgens um 5 Kakao und Frankfurter kredenzten.

In Graz gibt es am Haupt-und Jakominiplatz einen Nachtwürstlstand-das ist wenig für eine Landeshauptstadt, erzählt aber viel über die Einwohner. Weil wahrscheinlich viele Grazer so vernünftig sind, vor Mitternacht ins Bett zu gehen. Ich hab es immer genossen, nach einer ausgiebigen Lokaltour frühmorgens zusammen mit anderen Nachtschwärmern an einer Theke zu stehen, Frankfurter, Debreziner oder Krainer mit viel Kren und Pommes frittes zu verzehren und vielleicht noch ein Abschlussbierchen, das eh nicht mehr schmeckte, zu konsumieren.

Mittlerweile haben sich die Zeiten geändert. Ich schwärme nicht mehr aus. Kakao trinke ich abends zu Hause und Pommes frittes gibt es, wenn überhaupt, aus dem Backrohr (wegen der Linie).
Trotzdem liebe ich Würstlstände.
Jedesmal, wenn ich in der Stadt bin, bestelle ich an meinem Lieblingsstand ein Paar Frankfurter mit Senf und Semmel. Noch niemals ist es mir zu Hause gelungen, dieselben derart knackig zuzubereiten. Der erste Biss ist immer eine Offenbarung: die Haut zerplatzt krachend, springt auf und offenbart eine Köstlichkeit, die für mich mit keinen anderen Würsten vergleichbar ist. Frankfurter heissen in Deutschland Wiener und die Geschichte derselben ist umstritten. Wie auch immer: sie schmecken am besten, wenn sie im siedenden Wasser vor sich hin köcheln, niemals dürfen sie platzen oder zu roh serviert werden.

Frankfurter sind vielseitig verwendbar: im Kartoffelgulasch zum Beispiel oder als Zugabe zu einem Linseneintopf, ich esse sie auch gerne zu Sauerkraut und Röstkartoffeln. Mancherorts werden sie dazu verwendet, Füllung eines Hotdogs zu sein, was mir persönlich gar nicht gefällt: ein Frankfurter ist für sich allein eine kulinarische Köstlichkeit, die es nicht nötig hat, mit Ketchup, Mayonnaise und einem vergammelten Salatblatt daher zu kommen.

Frankfurter Würstchen, knackig, saftig, geschmackvoll. Immer wird, wenn ich sie esse, der Hauch einer schönen Ernnerung über mich kommen: damals, um 4 Uhr früh, mit einem Becher Kakao in der Hand und unglaublich sorglos.

Text: Bibi Stift
Bild: sergiogud2882 / 123RF Stockfoto

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