Oh du hektische, du falsch verstandene Weihnachtszeit.

Andy Bigler über WeihnachtenJa, ich bin bekennender Verweigerer dieser Advent- und Weihnachtsindustrie! Beim ersten „Last Christmas“ der Saison weiß ich, jetzt wird jede Normalität verschwinden. Die Umsatzmafia hat das ganze Jahr zielstrebig auf diese vier bis fünf Wochen hingearbeitet und wird professionell dafür sorgen, dass der besinnliche Teil dieser Zeit erst gar nicht in Erscheinung treten kann. Die Besinnung kommt oft erst Mitte Jänner, wenn so mancher Konsumrauschige seinen wenig berauschenden Kontostand wahrnimmt und vielleicht auch noch feststellen muss, wie wenig Freude einige seiner Geschenke den Beschenkten bereitet haben. So ist die Weihnachtszeit, wenn man mitspielt – aber so muss sie nicht sein.

Ich weiß, es ist schwer, diesem ganzen Trubel zu entkommen; aber mit einer kleinen Portion Egoismus kann man sich aus dem jährlich wachsendem Wahnsinn raushalten und eine schöne, besinnliche Zeit genießen. Und ich behaupte, um anderen Freude bereiten zu können, sollte man sich zuerst selbst Freude machen. Mir fällt dazu mein Vater ein, der mir vor knapp fünfzig Jahren eine Modelleisenbahn schenkte, die er liebevoll unter dem Christbaum aufgebaut und dekoriert hatte. Auf einigen Güterwaggons waren kleine Schokoschnapsflascherl, und auf einem Waggon saß ein Teddybär. In einer aus Watte modellierten Winterlandschaft waren drei Püppchen mit Rodel und Schiern aufgestellt. Ich war damals drei Jahre alt und schloss den Teddy sofort ins Herz. Auch an dem fahrenden Zug hatte ich Freude und – wie ich einige Jahre später begriff – sogar an den Figuren, denn das waren Symbole für unseren Winterurlaub. Mein Vater schenkte sich damals in Wirklichkeit selbst eine Modelleisenbahn, die uns allen drei einen Winterurlaub brachte. Mir wurden ein Teddy und viele gemeinsame Stunden mit meinem Vater dazugeschenkt, als Weihnachten schon lange vorbei war. Ich war ja noch viel zu klein, um allein mit so einer tollen Bahn spielen zu können!

Weshalb ich Ihnen keine weihnachtlichen Empfehlungen gebe? Weil ich davon überzeugt bin, fürs Genießen gibt es keine bestimmten Zeiträume! Mir schmeckt ein Petrus 2005 am 8. Mai gleich gut wie am 4. oder 24. Dezember. Und ein Karpfen kann noch so genial zubereitet sein, er wird nicht zu meinen Favoriten zählen – daran können auch der Advent oder der Heilige Abend nichts ändern.

Allerdings muss ich zugeben, vor Weihnachten selbst sehr wohl nach günstigen Schmankerln zu suchen. In dieser Zeit sind Lebensmittel-Diskonter wahre Fundgruben für erstaunlich Gutes, was sonst nicht angeboten wird; und das zu erstaunlich moderaten Preisen. Einen Brunello für weit unter 20 Euro kann man schon einmal probieren und ein paar Flaschen kaufen, wenn er entspricht. Auch manche Schaumweine beim Diskonter sind, bezogen auf das Preis-Leistungs-Verhältnis, nicht zu verachten. Weiters gibt es diverse luftgetrocknete Schinkenspezialitäten in guter Qualität manchmal unfassbar preiswert.

Ich besuche gerne die eine oder andere Weihnachtsveranstaltung, allerdings weit abseits aller bekannten Großereignisse. Beim Adventfeuer im Weingarten fern jeglichen Weinachtswahnsinns einen guten Glühwein oder Tee mit einem Schuß Hauszwetschkernen zu genießen – das ist beruhigend, besinnlich und weihnachtlich!

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen eine besinnliche, friedliche und genussvolle Weihnachtszeit!

Text: Andy Bigler
Bild:Bigler

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