Die stille Insel und das Rom des Nordens

Wenn sich die Salzburger Getreidegasse wieder einmal in eine Rennbahn verwandelt, flüchte ich gerne auf die ruhige Insel in ihrer Mitte. So auch an diesem Nachmittag, einem Feiertag. An diesem Fenstertag scheint sich halb Norditalien zu einem Kurzbesuch im von unseren Nachbarn geliebten Rom des Nordens entschlossen zu haben – entsprechend viele Haken muss ich auf dem Weg durch die Philharmonikergasse und das Schatz-Durchhaus schlagen, biss ich mein Ziel erreiche.

Im ersten Stock des Hauses Nr. 22 ist seit vielen Jahren das Café Mozart beheimatet. Ein gelungener Umbau hat vor einigen Jahren aus einem verrauchten Treffpunkt für Unerschrockene und sozial derangierte Schachspieler ein gediegenes Stadtcafé gemacht, das mich ob seiner Einrichtung vielleicht ein bisschen ans Biedermeier denken lässt. In jedem Fall ist es ein Ort der Gemütlichkeit und lädt zum Verweilen ein.

Ich finde einen Platz an einem runden Tisch in der Mitte des ersten Gastraumes. Nachdem ich aus dem großen Angebot an tagesaktuellen Druckwerken gewählt habe, antworte ich auf die freundliche Frage der Kellnerin mit der Entscheidung für eine Fritatten-Suppe, die auch rasch und ordentlich heiß serviert wird. Das Personal behält trotz hoher Frequenz („Seit in der Früh geht das so dahin“) seine unaufgeregte Herzlichkeit und trägt in langer Kette und ohne Unterlass Torten, Kaffeespezialitäten und Salzburger Nockerl – eine Riesenportion, die wohl nur als Hauptmahlzeit von den auf der Karte empfohlenen 2 Personen bewältigt werden kann – zu den Tischen.

Die Zeitung und auch meine Freude an der Lebendigkeit um mich lassen mich einen zweiten Gang anhängen – ein ergiebiges Stück Streusel-Apfelkuchen nach bester Großmutterart, dazu ein Häferlkaffee, der mit gerade genug Schlag sowohl Gaumen als auch Magen erfreut. Beides genieße ich bis zur letzten Zeile meiner Lektüre und bin ganz auf meiner persönlichen Insel der Seligkeit, fern aller anderen Wünsche.

Als es Zeit ist zu gehen, wünsche ich der Kellnerin noch Durchhaltevermögen für den wohl noch intensiven Rest des Tages, was sie mit einem lächelnden „Es soll mir nichts Schlimmeres passieren als viel Trubel“ beantwortet: Eine Familie mit zwei Kindern wartet schon auf meinen Tisch.

Wieder in der Getreidegasse, tauche ich gestärkt und beherzt in den Menschenstrom. Ich liebe Italien – und auch mein Rom des Nordens.

Text: Hannes Glanz

Foto: 123rf.com

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