Die Post bringt allen was

Neulich konnten aufmerksame Bürger in Postfilialen quer durchs ganze Land rege Umbautätigkeiten beobachten. Die Ämter verwandelten sich in Shops – schon die Ankündigung dieses Faceliftings beim staatlichen Briefbeförderungsmonopolisten ließ die Tinte auf den Umschlägen gefrieren. Nicht zu Unrecht, wie das nachfolgend geschilderte Erlebnis des Chronisten beweist.

Hannes Glanz, Der Kernölbotschafter

Hannes Glanz, Der Kernölbotschafter

Bevor ich aber in medias res gehe (Merkt man, dass meine Lektorin neben Deutsch auch Latein unterrichtet?), verdient der marktschreierische Modetrend, selbst die banalste Tätigkeit in ein Einkaufserlebnis pressen zu wollen wie ein zähes Rindfleischlaberl zwischen zwei latscherte Weißbrotdeckel, einiges an Beachtung. Hier kann ich nur für mich sprechen, weil jeder Konsument selbst daran schuld ist, der diesen Schwachsinn mitmacht. Trotzdem muss ich das jetzt loswerden: Ich will auf der Post keine CDs von Andrea Berg oder den Hinterkühleitner Kirtagsspatzen angeboten bekommen! Das beleidigt mein Auge und schadet durch die bloße Vorstellung des schmalzigen Gejammers meinem inneren akustischen Gleichgewicht. Malbücher und Bastelbögen gehören in die Papierhandlung, viertklassige Krimis und von Rosamunde-Inga-Uta abgekupferte Liebesschnulzen in die Wühlkiste vor dem nächsten Libro – oder besser direkt in den Recyclingcontainer zu den Aktien gleicher Provenienz. Und würden diese elenden Rubbellosspender nicht mehr die Budel verstellen, wäre endlich Platz für eine längst notwendige Bankomatkassa.

Danke für die Aufmerksamkeit. Über die Tankstellenshops rege ich mich auf, wenn ich eine Tankstellengeschichte in Arbeit habe.

Auch die Post am Salzburger Makartplatz konnte man über Monate nur durch einen Seiteneingang betreten. Der Weg zum Schalter war ein schmaler Schluf, Holztrennwände schützten vor neugierigen Blicken. Wir bauen für Sie um! stand auf einem Zettel und erinnerte mich frappant an die Baustellengegenverkehrsabschnitte auf Autobahnen, wo die ASFINAG mit dem gleichen Spruch versucht, die latente Angst der PKW-Fahrer, zwischen provisorischer Betontrennwand und italienischem Vierzigtonner zermalmt zu werden, mit der vagen Hoffnung auf bessere Zeiten zu mildern.

Doch eines Tages war es so weit: Der Seiteneingang wurde wieder zugemauert, die Trennwände verschwanden, die Filiale erstrahlte in neuem Glanz. Und es dauerte nicht lange, bis auch wirklich ein Glanz erschien.

Die Rundständer mit Glückwunschkarten, Walt-Disney-Videos und Andrea-Berg-CDs verstellten mir anfangs den Blick auf die wesentliche Änderung: Alle drei Kundenschalter waren von der Längsseite auf die Schmalseite des rechteckigen Raumes gewandert, dem Eingang direkt gegenüber. Nach Überwindung der wie am Leonhardimarkt zusammengewürfelten Konsumverführungen hatte man sohin sämtliche Warteschlangen gut im Blick und konnte spontan entscheiden, welche das rascheste Vorankommen in Aussicht stellte.

An besagtem Tag blieb mir diese Entscheidung erspart, denn ich war der einzige Kunde. Für Sekunden war ich ob dieser Tatsache frohen Mutes, verhieß sie doch schnellste Erledigung meines Anliegens. Bei näherer Betrachtung offenbarte sich jedoch ein unglaubliches Schauspiel, das ich wohl nur meiner Einzigartigkeit eines im Verkaufsbereich Anwesenden zu verdanken hatte.

Auf dem Schalterpult ganz links stand ein weißes Schild in Form einer überdimensionierten Tischkarte. Die darauf vermerkte Botschaft ist jedem geschäftsfähigen Österreicher geläufig:

Dürfen wir Sie an den nächsten offenen Schalter bitten. DANKE!

Nicht einmal als höfliche Frage ausgedrückt, sondern als blanke Aufforderung an die Kunden, damit gleich klar ist, wer hier das Sagen hat. Ich gehörte eindeutig zu dieser untersten Kaste der Bittsteller, also visierte mein Blick unverzüglich den mittleren Schalter an. Von einer leichten Schiefstellung des Taferls abgesehen, brachte diese Richtungsänderung nach Westen nichts Neues:

Dürfen wir Sie an den nächsten offenen Schalter bitten. DANKE!

Schon brannte die Sehnsucht nach einem Postler aus Fleisch und Blut heiß auf meiner Seele. Als ehemaliger Schachspieler jedoch dem Sprichwort verhaftet, dass man niemals eine Partie aufgeben dürfe, nur einen Brief, hielt ich es auch mit der Hoffnung so und versuchte am dritten Schalter, genau das zu tun.

Dürfen wir Sie an den nächsten offenen Schalter bitten. DANKE!

Ich war kurz davor, ein altes Kirchenlied anzustimmen: Wohin soll ich mich wenden … Es gab keinen nächsten Schalter mehr, offen oder nicht. Meine Augen schalteten auf Weitwinkel zurück und erlebten so den zweiten Akt dieser satirischen Neuinszenierung unter Postregie. Hinter den drei geschlossenen Schaltern standen drei Postler, tratschend und in alle möglichen Richtungen schauend, nur nicht in meine.

 Dieses Bild wurde augenblicklich auf meiner inneren Festplatte gespeichert, unauslöschbar bis ans Ende meiner Tage. Gleichzeitig stiegen sämtliche Assoziationen mit ähnlichen Erlebnissen in mein Bewusstsein: b1eginnend bei der schon sechs Jahre zurück liegenden, geheimnisumwobenen Änderung der Öffnungszeiten im Postamt Niederalm, der ich zugleich das Frühlingserwachen meiner Satirenschreiberei zu verdanken habe, bis hin zu einem Bericht meines Freundes Martin.

„Ich wollte nur eine 75-Cent-Marke kaufen“, hatte er während einer unserer Skype-Unterhaltungen erzählt. „Am Schalter war eine Neue, wahrscheinlich frisch eingefangen. Als ich um die Marke bitte und  eine 1-Euro-Münze unter der Trennwand durchschiebe, nimmt sie plötzlich einen Zettel aus der Lade, schreibt 1.00 und darunter –0.75 auf und beginnt zu subtrahieren wie in der Volksschule.“

„Vielleicht kam sie von dort“, mutmaßte ich, doch die Geschichte war noch nicht zu Ende.

„Am nächsten Tag bringe ich eine Rolle mit Plakaten hin“, setzte Martin fort. „Die Rechnung macht 7,80 Euro aus, ich gebe ihr einen 10-Euro-Schein. Diesmal ist sie gut drauf und gibt mir ohne Zögern das Wechselgeld heraus – 3,20 Euro.“ Er macht eine bedeutungsvolle Pause. „Den Rat, sie sollte vielleicht doch wieder einen Zettel nehmen, konnte ich mir nur mit Mühe verkneifen.“

Ein paar Tage später und 300 Kilometer weiter nordwestlich bewies der Chronist nicht so viel Contenance. Nach Minuten, als meine verzweifelte Lage von einer jungen Angestellten mit den Worten: „Geh blöd, wir ham’ goar kan’ Schalter offen“, doch noch bemerkt wurde, hatte ich diese Satire schon in Gedanken skizziert und sagte zu der Dame: „Die Post ist immer für einen Gag gut, wie ich sehe.“

Für diese Kundenaufmüpfigkeit erntete ich einen bösen Blick, und wegen meiner unerwünschten Störaktion wurde die Strafe noch um demonstratives Schweigen erhöht, das die Postlerin eisern durchhielt, bis sie meinen Geschäftsfall erledigt hatte. Bevor ich versöhnlich grüßen konnte, hatte sie sich schon wieder zu ihren Kollegen umgedreht.

Der glückliche Umstand, dass mein Stammafé nur einen Steinwurf von der Postfiliale entfernt liegt, bewahrte mich vor einer tiefen staatsmonopolistischen Depression. Ich war dort mit einem Schriftstellerkollegen verabredet, und die Diskussion über neue Bücher, aktuelle Politik und das vergangene Literaturtreffen wirkte wie ein Jungbrunnenelixier. Der Cafe Latte samt süßer Beilage rundete die Intensivbehandlung ab, und eine Stunde später war ich vollständig geheilt.

Von Glückshormonen in Gehirn und Magen überschwemmt, sann ich auf dem Heimweg über ein leichtes Abendessen nach. Dies erinnerte mich an die Notwendigkeit, noch Brot zu kaufen, wofür mir, da die Bäckerei meines Vertrauens schon geschlossen war, nur der nächstgelegene ADEG-Markt übrig blieb.

„Abgepacktes Brot, bis zur ewigen Haltbarkeit konserviert“, grantelte ich im Auto vor mich hin, aber wer sich vertratscht (das können nicht nur Frauen!), dem ist nicht anders zu helfen.

 Ich entschied mich für den kleinsten Wecken im Regal, nahm auf dem Weg einen Liter Milch mit und stand nach zwei Minuten an der Kassa. Die Suderei der Frau im ADEG-Outfit über zu viel Arbeit und zu wenig Brot überhörte ich mit voller Absicht – dem Post-Trauma sollte nicht auch noch der Handelsangestellten-Blues folgen.

Vor dem Eingang standen zwei Jugendliche, die mich erwartungsvoll anschauten. Kleidung und Gesten ließen eine Frage wie „Host a Tschick, Oida?“ erwarten. Als der Korpulentere tatsächlich zu mir trat und mit hingehaltenem Kugelschreiber einen Wunsch äußerte, blieb mir vor Schreck beinahe die Luft weg.

„TatenS’ unterschreiben, damit `as Postaumt in Gartenau net zuag’sperrt wird?“

Leider hatte ich gerade keine Hand frei. Zwar hätte ich mich nicht im Klub der Freunde kleiner Postämter engagiert, wäre aber sofort mit einer eigenen Liste aktiv geworden:

„TatenS’ unterschreiben, dass, waunn in da Post olle Scholta zua san, die Tür a glei’ zuag’sperrt wird?“

Text: Hannes Glanz

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