Die Kluft zwischen Information und Tatsachen.

 

Orange WineAls Weinverkoster wird man von seinen Mitmenschen oftmals beneidet. Nun ja, unbestreitbar, es ist ein sehr schöner Beruf, denn immerhin ist es dir als Weinverkoster gegönnt die Vielfalt der Weinwelt kennen zu lernen. Diese Vielfalt sorgt nicht nur für abwechslungsreiche Verkostungen, sie verlangt oftmals auch ganz schön viel Weinverständnis. Ja, manche Weine wollen verstanden werden oder noch besser, sie müssen verstanden werden, um ihnen entsprechend begegnen zu können.
Ich weiß, das alles klingt ziemlich geschwollen, entspricht aber den Tatsachen, denn so manche Interpretation, was zum Beispiel einen unverfälschten Wein mit klassischer Stilistik ausmacht, schreit förmlich nach Weinverständnis.

Keine typischen Merkmale – kein Weinverständnis
Manchmal ist dieses Weinverständnis zwar vorhanden, aber du willst nicht verstehen, weil es sich um eine Interpretation handelt, die schlicht und einfach inakzeptabel ist. Super, was machst du jetzt? Da steht ein Präsentator, der dich erwartungsvoll ansieht und mit Sicherheit auch noch mit deinem Lob für diesen geilen, sortentypischen Wein spekuliert. Leider ist im Glas ein Grüner Veltliner Klassik, der wie ein Sauvignon Blanc riecht und schmeckt und auch noch mit Eiszuckerl Aromatik aufwartet. Auch wenn mir bekannt ist wie diese Stilistik zustande kommt, mein Weinverständnis blockt bei dieser Art der Interpretation einfach ab. Wenn ich dann auf meine Frage, weshalb der Wein auf diese Art ausgebaut wird, die Antwort „weil’s viele Kunden so mögen“ folgt, fällt mir unweigerlich ein alt bekanntes Sprichwort ein, „Geschmäcker und Ohrfeigen sind verschieden“.

Was drauf steht, sollte auch drin sein
Zum Glück sind unsere Geschmäcker verschieden, so findet jede Geschmacksrichtung ihre Fangemeinde. Trotz dieser Tatsache gibt es doch so etwas wie Grundregeln und Definitionen, quasi die ungeschriebenen Gesetzte. Es kann doch nicht so schwierig sein, einen Hinweis auf einem Etikett so zu gestalten, dass dieser auch der Weinstilistik gerecht wird oder doch? Für mich persönlich hört der Spaß dann auf, wenn so ein Vinifizierungshinweis sehr gaumenfreundlich am Rückenetikett festgehalten wird – eventuell auch noch mit dem Vermerk des Winzers, dass es sich um seinen absoluten Lieblingswein handle, von dezentem Holzeinsatz und sortentypischen Aromen zu lesen ist, um sich dann beim Verkosten die Frage stellen zu dürfen, „Sind die Verantwortlichen von dem, was da abgedruckt wurde, überzeugt oder darf man sich auch ein wenig verar***t vorkommen?“

Diese Frage stellte ich mir beim Verkosten eines Weißburgunders 2015, der sich sozusagen als Fehlschuss erwiesen hatte, bezogen auf den vorab angeführten Vinifizierungshinweis (Anmerkung: Der Wein wurde vorerst verdeckt gekostet. Nach dem ersten Ankosten, wurden die Definitionen am Etikett aufgedeckt). Beim ersten Anschnuppern waren sich alle einig – Weißburgunder. Nussige Aromen, ziemlich feuersteinig und mineralisch, könnte ein Südburgenländer sein. Anscheinend mit Holzeinsatz, da waren sich auch alle einig. Um zu wissen, ob wir gute Verkoster oder ahnungslose Dampfplauderer wären, studierten wir was da am Rückenetikett abgedruckt war. Es wurde uns bestätigt keine ahnungslosen Dampfplauderer zu sein.

Zwischenzeitlich hatte der Wein bereits fünf bis sieben Minuten im Glas zugebracht. Jetzt wurde der Nase unverkennbar mitgeteilt, Holz! Die nussigen Aromen verschwanden im Hintergrund und wurden schon bald von holzsaftig, leicht brandig wirkenden Aromen mit exotischen Noten verdrängt. Am Gaumen dominierte ebenfalls eine Art von Holzfruchtigkeit und auch die zuvor gerochene Brandigkeit wurde geschmacklich bestätigt. Der in den ersten Sekunden wahrgenommene Weißburgunder verwandelte sich innerhalb kürzester Zeit zu einem ziemlich alkohollastigen Holzwein. Am Abgang konnten wir uns dann wieder erfreuen, denn der war glücklicher Weise eher kurz, wodurch uns langanhaltende Holzerlebnisse erspart blieben.
Alles und jeder hat mehr als nur eine Chance verdient, auch dieser Weißburgunder. Daher wurde er weitere 6 Tage immer wieder nachverkostet, aber da hat sich nichts zum Positiven verändert. Weder Alkohol, noch die Holzsaftigkeit wurden halbwegs harmonisch in die Gesamtstruktur eingebunden. Es entwickelte sich eine Art phenolharziger Weingeschmack mit pikanter Säure, die auch im Nachklang hängen blieb.

Als Verkoster gibt es für mich persönlich keine Aussagen wie, „schmeckt mir“ oder „schmeckt mir nicht“, es kommt viel mehr darauf an ob Sortentypizität und Terroir zur Geltung kommen und einem Wein sein persönlicher Charakter belassen wurde. Laut Etikett war in dieser Flasche sortenreiner Weißburgunder, unterstützt durch Ausbau im Holzfass. Sortencharakter, Charme und Elegance sollten dadurch hervor gehoben, eben unterstützt werden, sagt zumindest mein Weinverständnis. Die Realität sieht allerdings eher charmelos, ziemlich derb und holzig aus. Weinverständnis hin, Weinverständnis her, meines steigt in so einem Fall aus.

Fazit: Geschmäcker sind verschieden, manche Interpretationen und Tatsachen leider auch.

Text: Andy Bigler

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