Dick? Süß? Marmelade? Nix, trotzdem Merlot!

Alex Schreiner golsMerlot kann aus Frankreich kommen. Muss aber nicht. Der 100%ige Merlot stammt heute vom Neusiedlersee in Österreich, genauer dem Weingut Schreiner aus Gols im Burgenland.

Mit allen möglichen Attributen wie „Jungwinzer“ oder „Querdenker“ könnte ich den dort wirtschaftenden Namensvetter Alex Schreiner zum Aufsteiger adeln. Aber davon hat niemand etwas. Über den Wein sagt das nichts. Überhaupt: Investituren obliegen dem Klerus.

Dass Alex Schreiner vom gleichnamigen Weingut aber Mut hat, beweist er schon durch den Anbau dieser Rebe, denn jeder weiß: Merlot kommt aus Frankreich, Merlot schmeckt (fast immer) nach Robert Parker und eigentlich ist er auch viel billiger als diese Pulle hier. Will man das verkaufen, muss man überzeugt sein. Vor allem überzeugen können. Das macht der Inhalt für sich alleine. Schöne Etiketten und Weingeschwafel braucht es da eigentlich nicht. Und wer dennoch Punkte braucht: Falstaff gab für den 07er Merlot aus dem Neuberg immerhin 87 Punkte

Schreiners 09er Merlot aus dem Ried Neuberg ist alles andere, als man es aus dem Zweigeltland, dem Neusiedlersee, vielleicht erwartet. Denn Zweigelt ist wie Merlot leider in vielen Fällen ein auf die breite Masse ausgelegter Trunk und findet seine Daseinsberechtigung meist als „Alltagswein“ bei Hofer und Co. für 2,29€ im Selbstbedienungsregal. Zweigelt hat schön längst ein Imageproblem und wird mittelfristig vom Blaufränkisch überholt werden. Neue Pfade? Ja, aber warum dann mit der ebenfalls schon längst industriell ausgeschlachteten Rebe Merlot starten?

Denn: Auch das Image des Merlot wankt, vor allem in (und wegen) Bordeaux. Das liegt auch daran, dass Merlot enorm ertragsreich ist, früh reift und auch früh getrunken werden kann. Der Weltmarkt macht sich genau diese Eigenschaften zu Nutze. Man kann sehr viele Flaschen damit füllen, meist wird er dabei noch mit Cabernet franc verschnitten. Das mag mehr Wumms ins Glas bringen, der Genuss bleibt aber dann gern mal auf der Strecke. In der Tat sind diese überreif geernteten Alkoholleichen mit 15% und mehr oftmals ordinär, platt und einfach nur laut. Dennoch gibt´s die Punkte, weil Parker das halt so mag. Übertreibung?

Alex Schreiner GolsWie immer gilt: wahr ist, was irgendwo dazwischen ist. Beide Reben können nämlich mehr! Besonders dann, wenn man sie in ihrer Produktivität hemmt. Die Faustregel ist recht einfach: Je höher der Output, desto geringer der Inhalt. Reduziert man den Ertrag, kann die Rebe mehr in die verbliebenen Beeren stecken, die Weine werden besser. Merlot findet im Neuberg bei Gols dafür optimale Bedingungen. Die Rebe mag lehmig sandige Böden, am Neusiedlersee ist es recht warm, die Niederschläge dazu gering. Auf der Suche nach Wasser wurzelt die Rebe tief. Dabei holt sie aus den verschiedenen Bodenschichten ihre Nähr- und Mineralstoffe.

Wegen der recht dünnen Beerenschale und der damit drohenden Verdunstung ist der Erfolg mit diesem Gewächs vom Können des Winzers abhängig. Mittels Handarbeit, viel Laub- und Bodenarbeit kann das aber gelingen. Der Reifezyklus des Merlot ist nicht all zu lang, er muss also nicht ewig hängen. Dem drohenden Schimmel der feuchteren Herbsttage wird er nur bedingt ausgesetzt. Passt der Winzer den richtigen Reifezustand ab, wobei eben nicht die maximale physiologische Reife ausschlaggebend sein sollte, kann das richtig guter Stoff werden.

Das Weingut Schreiner macht mit der Turborebe der 80er und 90er Jahre genau das. Man geht weg von der industriellen Massenfertigung, kultiviert durch Handarbeit, selektiert, investiert Zeit. Arbeit kostet Geld! Bevor also die Bouteillen befüllt werden, steht ein enormer monetärer Aufwand.

Alex Schreiner vergärt seinen Merlot fast einen Monat lang spontan im offenen Bottich, danach kommt die BSA sowie Lagerung in einem Viertel neuen, der Rest in gebrauchten Barrique für 24 Monate. Belohnt wird man mit Charakter, mit Eigenständigkeit der Weine und dem Unterschied zur Masse. Kein Geschmacksdiktat, kein globaler Weltwein passend zu „allen Gelegenheiten“.

Im Glas dreht ein dunkelroter mit nur leichter Kräuternote versehener Stoff seine Ründchen. Hier wirkt nichts opulent, dennoch ist der Wein vielschichtig. Zu den Kräutern kommen deutlichere Nuancen von Vanille, etwas Lakritz, dabei auch Speck. Im Mund schmeichelhaft weich, ohne Gummi Arabicum. Mundfüllend, wirkt kühl und verlangt augenblicklich nach mehr. Kein Gerbstoffporno in Überseemanier, dennoch gut bepackt. Trotz leicht herber Note, die an so manchen Vernatsch aus Südtirol erinnern mag, bestechende Leichtigkeit. Ein ungewöhnlicher seiner Art, ein großer Merlot.

Für Waldbewohner ist er zu leise, zum fliegenden Tier passt er umso mehr. Zum Käse? Nein, Rotwein und Käse ist meist ziemlich bäh! Würde ihn persönlich wie andere Weine von dünnschaligen Beeren auch (z.B. Spätburgunder) eher etwas kühler versuchen, sicher nicht bei den so oft empfohlenen 18°C „Zimmertemperatur“. Das ist Mumpitz aus vergangenen Tagen, heutige Zimmertemperaturen liegen nämlich deutlich drüber.

Merlot Neuberg 2009 Alex Schreiner, Gols, Burgenland, für 24,60€. Alex Schreinerversendet ab Hof, auch nach Deutschland

Text: Alex Schilling
Bild: Schreiner

One comment on “Dick? Süß? Marmelade? Nix, trotzdem Merlot!

  1. Christa on said:

    toller text! infos mit input. animierend und anhaltend.

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