Der Weihnachtswein.

Alex Schilling und der WeihnachtsweinAuf der Suche nach dem Weihnachtswein könnte man verrückt werden. Kaum stehen die ersten Schoko-Nikoläuse im Supermarkt, scheinen alle Anbieter vergorenen Traubensafts ihre Trommeln auszupacken. Das Aufgebot sich gegenseitig überbietender Weinschnäppchen und Weinpaketen ist enorm. Man bekommt 2 Gläser gratis dazu, einen Rabatt von 33% und zahlt dann für sechs Flaschen 2012er XY nur noch 34,95 €. Danke, ich bin jetzt schon mehr als bedient!

Dafür bekommt man zuweilen wahrlich dicke Schiffe – „männliche“ Gerbstoffwunder, die aber nur mit viel Bratensoße erträglich sind. Zwischendurch keimt die vage Frage, was genau bei diesem Schmaus angebrannt ist, um sich dann mit dunkelviolett gefärbten Zähnen endgültig als leichtgläubiges Opfer der Weinwerbeindustrie zu outen: „Der hat 95 Punkte von diesem Hubert Barker, der ist richtig gut! Kann ich bitte einen Schnaps haben?“
Ehrlich gesagt, möchte ich fürs Fest keinen Schwächling. Auf der Suche nach einem Wein mit deutlichen Argumenten und Akzenten ist harmonischer Einklang kein Widerspruch. Vielmehr sollte das Ergebnis der Profession des Winzers entsprechen und nicht allein das kreative Spielfeld der Marketingabteilung sein. Es geht um Charakter, nicht Charisma; es geht auch um Lautstärke, aber eben nicht um Getöse. Das können nur reife Weine, und von diesen noch lange nicht alle. Mit aufgepumpten Jungspunden aus den Werbeanzeigen hat das nichts zu tun. Der Barbaresco aus dem Piemont kann so etwas. Mein Weihnachtswein ist gefunden.

Der zu 100% aus der Nebbiolo-Traube gekelterte, sortenreine Barbaresco, seit 1980 mit dem umstrittenen staatlichen DOCG-Siegel klassifiziert, ist Fluch und Segen zugleich. Neben grandios tiefgängigen und unterhaltsamen Weinen ist Nebbiolo im Anbau besonders schwierig und fordert den Winzer. Auch das erklärt die Preise; darin steckt viel harte Arbeit, und diese kostet Geld.
In jungen Jahren zeigt sich der Barbaresco sehr gerbstoff- und säurebetont. Nebbiolo ist einer der am langsamsten reifenden Weine, eine Trinkreife unter sechs bis (eher) acht Jahren ist reine Utopie. Wer 20 Jahre wartet, macht meist nichts verkehrt und wird mit außergewöhnlicher Eleganz und Geschmeidigkeit belohnt.

Eine (unbezahlbare) Variante bietet die Familie Gaja. Der Stil des Weingutes (92ha) ließ sich über Jahre mit dem Spruch „Sind sie zu stark, bist du zu schwach“ umschreiben. Heute denkt man dort wieder etwas weniger international und hat den Barriqueeinsatz deutlich reduziert. Dennoch ist das eher Labeltrinkerei.
Mehr schätze ich dagegen das bodenständige Weingut Francone in Neive. Mit seinen 6,3 Hektar Vertreter eines klassischen Stils, ist es bei 3800 Flaschenfüllungen im Jahr 2005 weitab von industrieller Massenfertigung. Hier bekommt man für etwa € 20,- einen grundsoliden Wein.

Der auf Kalkmergel gewachsene, über mindestens 2 Stunden dekantierpflichtige Wein aus dem gleichnamigen 700-Seelen-Dorf Barbaresco am Fluss Tanaro ist mit acht Jahren trinkreif. Im Glas zeigt er sich eher hell, in der Nase sucht man opulente Frucht vergebens. Dies ist typisch für den Barbaresco. Daneben finden sich Anklänge von Karamell und auch etwas nasses Leder mit leichter Schweißnote. Am Gaumen dann Eindrücke von Kaffee, Tabak, auch Noten von Nelke und Holz. Tannine in opulenter Quantität, geschmeidig und immer noch entwicklungsfähig. Ein saftig langes und rundes Tröpfchen, mineralisch, mit Potential für noch viele Jahre.
[Francone Barbaresco DOCG „i Patriarchi“ 2005 Italien/Piemont]

Eine größere Auswahl an Jahrgängen und Winzern des Barabaresco bietet als Direktimporteur das Weindepot Weiss in Forchheim.

Text: Alex Schilling
Bild: Schilling

5 comments on “Der Weihnachtswein.

  1. In den letzten Tagen lese ich häufig solche Bezeichnungen wie Winterwein, Weihnachtswein etc. Braucht
    eine Wein in meinen Augen nicht, denn er ist immer etwas Besonderes. Die Menschen die gerne Wein trinken öffnen auch Mitte Januar mal gerne 1 Barbaresco, Gevrey Chambertin oder wie auch immer all die tollen Weine heißen 🙂 🙂

    • Einfach nicht so eng sehen, das Jahr hat 365/366 Tage und die Mehrheit widerspricht uns beiden halt und braucht eben Weihnachten, Geburtstage, Hochzeiten und sonst was, um einen Grund zu haben, „Besonderes“ zu trinken/genießen ….. 😛

  2. Ja, so kann man das sicher sehen, unser Andy Bigler sieht das ja auch so – siehe sein gestriger Artikel. Aber ich denke, man kann es eben auch so sehen, dass man einfach für einen schönen Anlass einen feinen Wein sucht und findet. 🙂

    • Diese „Modelleisenbahnstimmung“ von damals, die macht für mich Weihnachten aus und die geht aufgrund der Industrialisierung seit Jahren den Bach runter, daran kann für mich persönlich nicht einmal ein Besuch bei Ducasse in Monaco etwas ändern …

  3. In jedem Fall ein sehr toller Artikel und eine interessante Sichtweise! 99,99 Punkte von 100!!!

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