Das Kamptal und der Wein

4_16GottesanbeterinWeinfreunde wissen mehr als andere, dass sich der Geschmack einer Region auf die in ihr gewachsenen Lebensmittel überträgt. Da kann ein guter Schluck unser Interesse auf manche Landschaft lenken. So hat das Kamptal über seine köstlichen Weine hinaus viele weitere Genüsse zu bieten. Zwischen Weinbergen und Waldhängen, vom verträumten Fluss bis zu aufragenden Felsen wartet so mancher Schatz auf seine Entdeckung. Ist doch das untere Kamptal eine verkleinerte und dennoch eigenständige Miniaturausgabe der Wachau – mit vergleichbaren Talformen, Klima- und Bodenverhältnissen.

Die weit ausschwingenden Talmäander wurden vom Kamp in der jüngeren Erdgeschichte im uralten Gebirgssockel des Waldviertels geformt. Grobe Schotter aus der letzten Meeresbedeckung und der Urdonau bauen den Gobelsberg und Wagram auf. Mächtige Lössschichten wurden während der Eiszeiten darüber abgelagert, als Stürme Staub aus den Aufschüttungen der Alpenflüsse und Gletscher bliesen und über die Tundra wirbelten.

So entstanden höchst unterschiedliche Böden und Geländeformen, die sich nur zum Teil kultivieren ließen. Auf wenig erschlossenen Steilhängen stocken naturnahe Mischwälder mit Eichen, Hainbuchen und schönsten Waldblumen. Seichtgründige Felsböschungen tragen lichte Waldsteppen, wo im Frühjahr Dirndl und Ginster, Blutstorchschnabel und Diptam leuchten. Bei geeignetem Wetter und etwas Glück lässt sich dort auch die prächtige Smaragdeidechse blicken.

Ehemalige Hutweiden auf trockenen Hügeln werden von Naturschutzvereinen von zu dichtem Gehölz befreit, um die überaus reiche Lebenswelt der Trockenrasen zu erhalten. Von den Küchenschellen als erste Frühlingsboten bis zu den letzten Bergastern im Oktober blüht hier ein bunter Garten. Dorngrasmücken und Neuntöter bewohnen wilde Schlehen-, Weißdorn- und Rosensträucher. Verschiedenste Wildbienen nutzen die bunte Blütenvielfalt, Grabwespen die Lücken in der Vegetation und die Gottesanbeterin die reichlich vorhandenen Heuschrecken

Beim großen Hochwasser im Jahr 2002 hat der Kamp ehemalige Augebiete zurückgewonnen. Ein Teil davon wird von einem Schäfer beweidet. Schafe und Waldviertler Blondviehrinder, Esel und Wildpferde halten den Talboden offen, damit er eine freundliche Kulturlandschaft bleibt und bei Hochwasser einen großen Abflussquerschnitt und Rückhalteraum bilden kann.

An manchen Stellen hat der Fluss auch sein Bett verbreitert, Inseln, Flachufer und unterspülte Uferwände zurückgelassen. Diese natürliche Dynamik lässt unter und über der Oberfläche eine Vielfalt von Strukturen entstehen, die eine reichhaltige Lebenswelt ermöglichen. In frisch umgelagertem Kies finden neben Insektenlarven und anderen wirbellosen Wassertieren die Larven kieslaichender Fischarten geschützte Hohlräume. Über der Wasserlinie haben Flussuferläufer im spärlich bewachsenen Schotter ihr Nahrungs- und Brutrevier. Uferabbrüche braucht der Eisvogel, um dort eine Röhre für sein Höhlennest zu graben. An flach überströmten Stellen heben Bestände vom Flutenden Hahnenfuß ihre weißen Blüten zu Tausenden über die Oberfläche. Dort entwickeln sich auch die Prachtlibellen. Sobald sie dem Wasser entsteigen, kann man die smaragdgrün glänzenden Männchen auf Partnersuche beobachten.

Das alles spielt sich im weiten Umkreis der Weingärten und Keller ab und zeigt einmal mehr, dass die so viel beachteten Wirtschaftsdaten im Rahmen eines weitaus größeren Lebensraums entstehen, der mehr als bisher Respekt und Aufmerksamkeit verdient. Die Vielfalt und Schönheit einer Kulturlandschaft erwächst ebenso aus einer achtsamen Balance zwischen Anlage und Formung, Natur und Kultur wie ein gelungenes Menschenleben oder ein edler Wein.

Text und Bild: Werner Gamerith; Exzerpt aus: Werner Gamerith, „Kamptal. Die Natur einer Kulturlandschaft“ Verlag Berger, Horn, 24.90 €.

Comments are closed.

DieWeinpresse located at Wien , 1020 Wien, Austria . Reviewed by 4793 Reader rated: 4.8 / 5