Automobile Erkenntnisse

Hannes Glanz, Der Kernölbotschafter

Hannes Glanz, Der Kernölbotschafter

Dass eine Autofahrt Erkenntnisse bringen kann, die weit jenseits der zum wiederholten Male bestätigten Überzeugung liegen, ständig nur von ungenügend mit der Kunst der mobilen Forbewegung vertrauten Artgenossen umgeben zu sein – auf österreichisch heißt das: „Wo’st hi’schaust, olles Voitrott’ln!“ –, erlebte ich kürzlich auf und abseits der Strecke zwischen Liezen und Hallein. Gleich drei Aha-Erlebnisse kreuzten meinen Weg auf den knapp 120 Kilometern.

 Linkshänder sind schlechter gelaunt.

Kaffeepause im McDonald’s zu Liezen. Donut und Cappuccino (seit die Amis auf der Qualitätswelle schwimmen, gibt’s im McCafe echte Häferln!) sollten helfen, meine schlechte Laune zu vertreiben. Woher kam die eigentlich? Ich hatte drei schöne Wochen hinter mir, erfolgreich, entspannend, mit interessanten Begegnungen. Die Erinnerungen daran gaben mir keine Antwort, und auch den lautstarken Trubel betrachtete ich wie ein Außerirdischer. Als ich jedoch entgegen meiner linkshändigen Gewohnheit den Cappuccino einmal mit der Rechten an die Lippen führte, erkannte ich die Wahrheit – nicht im Kaffeesatz, aber an der Innenseite der Schale: Dort war eine solche aufgemalt, ein „+“ verband diese mit zwei Strichmännchen, danach kam ein „=“ und als Ergebnis der Addition ein Clowngesicht. Zeichensprache für die simple Botschaft Trink deinen Kaffee gemeinsam mit anderen, und du wirst gut drauf sein.

Eine hübsche Idee, aber warum hat der Marketing-Fuzzi nur eine Innenseite des Häferls damit beglückt? Mag er keine Linkshänder? Oder war er selbst einer, musste aber unter Zwang umlernen und rächte sich deshalb an allen, den dieses grausame Schicksal erspart blieb? Wie auch immer, ich freute mich darüber, dass die Ursache meiner miesen Laune geklärt war: Es lag nicht am definitiv eingetroffenen Urlaubsende, sondern schlicht an der falschen Haltung des Cappuccinohäferls.

Werbung wirkt.

Entlang der Straße durchs Ausseerland entdeckte ich eine neue Strategie der Werbewirtschaft gegen die Wirtschaftskrise: Mittels Aufsetzen einer kleinen Tafel oberhalb der großen Plakatwand wird der vorhandene Platz besser genutzt. Da jedoch Werbung seit jeher dem Grundsatz Wer zahlt, schafft an huldigt, führte das gleich zweimal hintereinander zu spannenden Kombinationen.

Von einem großen Plakat schaute mir das Charaktergesicht Werner Faymanns vor rotem Hintergrund entgegen. Der beigestellte Spruch lautete: „Mit der SPÖ um die Arbeitsplätze kämpfen.“ Die Tafel über seinem edel angegrauten Haar wusste zu vermelden, dass der nächste Eurospar nur noch drei Kilometer entfernt ist. Geht unser Kanzler tatsächlich selbst einkaufen? Oder kämpft die SPÖ nur noch um die Arbeitsplätze der Lebensmittelkonzerne – schlecht bezahlt, schlecht versichert, dafür bestens überwacht? In der nächsten Fragestunde des Parlaments sollte Peter Pilz dieses Thema für ein paar kritische Fragen nutzen, etwa, was ein Liter Milch aktuell beim Eurospar im Ausseerland kostet.

Die zweite Werbekombination hielt ich dagegen für ausgezeichnet gelungen: prägnant im Design, oberflächlich in der Botschaft, eindeuting bei der Zielgruppe. Großformatig lag eine engelsgleiche Schönheit in Triumph-Dessous im besten Autofahrerblickfeld. Lasziv waren nicht nur ihr Blick und ihr Äußeres, auch der Slogan hielt da ganz gut mit: „Das Zweitgrößte an ihm werden seine Augen sein“. Obwohl ich meine Augen nur schwer losreißen konnte (bei 100 km/h soll man der Straße hin und wieder ein bisschen Aufmerksamkeit widmen), gelang es mir, auch die aufgesetzte Tafel am Rande wahrzunehmen. Diese verwies auf einen nahe gelegenen Gasthof, dessen Namen ich aber nicht behielt.

Falls eine Leserin nun nicht sofort von Spitzenunterwäsche auf gastfreundliche Übernachtungsmöglichkeit schließt, kann sie vielleicht auch mit der dritten Erkenntnis wenig anfangen. Aber Unterschiede zwischen den Geschlechtern schaffen zahllose Diskussionsgrundlagen für künftiges Verständnis.

BMW-Fahrer sind anders, die Straßen bleiben gleich.

Gleich am Beginn der Fahrt durch das Wiestal, einer Verbindung zwischen Hof und Hallein, tauchte in meinem Rückspiegel ein schwerer BMW auf. Sekunden später klebte er so dicht am Heck meines Golf, dass die Absichten des Lenkers noch vor Einsatz der Lichthupe deutlich wurden: Verschwinde aus meiner Flugbahn, oder ich beame dich in unendliche Weiten!

Folgsam reduzierte ich die Geschwindigkeit, und der testosterongeplagte RayBan-Fan (ersteres schloss ich aus seiner Fahrweise, zweiteres konnte ich sehen) nutzte auch gleich eine Gelegenheit zum Überholen. Als er an mir vorbeizog, huschte aber ein Lächeln über meine Lippen – der Wiestalstausee war schon in Sicht, und von da an ist die Strecke so schmal und kurvenreich (ähnlich wie auf dem Triumph-Plakat, aber doch anders), dass weitere Ich will früher ankommen als du-Aktionen schlicht unmöglich sind.

Und es kam wie erwartet: Der BMW musste bis Hallein hinter zwei noch unwürdigeren Schüsseln als der meinen ausharren, weil dessen genervter Lenker nicht die kleinste geeignete Lücke zwischen See und Berg fand, um seine motorisierte Überlegenheit zu demonstrieren. Von hinten genoss ich die schönen Formen (ähnlich wie auf dem Triumph-Plakat, aber das hatte ich schon erwähnt), ließ die erkenntnisreiche Autofahrt in Gedanken Revue passieren und freute mich auf Zuhause.

Meine schlechte Laune? Die musste ich wohl irgendwo unterwegs verloren haben. Wahrscheinlich hockte sie sich in einem unbemerkten Moment vor Werner Faymann ins Gras und fragte ihn, was er denn von den Arbeitsplätzen beim Eurospar halte.

Ich dagegen werde bei meiner nächsten Fahrt in die Steiermark den namenlosen Gasthof aufsuchen. Vielleicht ist die Triumph-Schönheit gerade dort.

Text: Hannes Glanz

2 comments on “Automobile Erkenntnisse

  1. Seltsamerweise ist der Café im normalen Mc Donald’s ungenießbar. Im Mc Café allerdings schmeckts recht gut, auch der Kuchen usw. ist eigentlich recht lecker.
    Das ist schon komisch…aber so ist das in der Fast Food Industrie anscheinend.
    Im Zweifelsfall sowieso immer Starbucks!

    • Ich denke man bemüht sich redlich, bei McDonalds. Und vielleicht darf man ja auch nicht zu viel verlangen. Warum aber die Kaffeequalität nicht bei beiden Institutionen gleich hoch (Gott-Sei-Dank nicht gleich niedrig) sein kann – das wäre ja eine echte Bereicherung – das wissen wohl nur die Götter. Und auch die sind da wohl nicht ganz sicher. 🙂

      Meinerseits ist Starbucks nicht die große Alternative, ich denke da eher an ein kleines Cafe in Genua oder Triest oder auch weiter im Süden. Da wo der Espresso noch zu Recht Espresso heißt.

      grüsse

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