Als ich den Herrgott alleinließ (2)

Teil 1 finden Sie hier.

Zum wahrhaften Genuss gebührt der Torte meine ganze Aufmerksamkeit. Sohin verlasse ich für Minuten die vielen Vorstellungen um mich herum und verzehre jede gelierte Himbeere, jeden Tupfen Creme und jeden Krümel Blätterteig mit großer Hingabe. Ohne Kaffeekenner zu sein, ist die Melange für mich die beste der Stadt. In jedem Fall aber ist sie ein hervorragender Kuchenbegleiter.

Hannes Glanz, Der Kernölbotschafter

Hannes Glanz, Der Kernölbotschafter

Als das Glockenspiel sein Geläut zur vollen Stunde erklingen lässt, spüre ich Enttäuschung, weil ich mich bald auf den Weg machen muss. In einer halben Stunde beginnt die zweite Sonntagsmesse in der Franziskanerkirche, die ich üblicherweise vor dem Tomaselli besuche. Doch heute war der Morgen zu schön. Danach wäre es bestimmt zu heiß, und ich würde ohnehin keinen Platz finden.

Eine gute Viertelstunde habe ich noch; Zeit genug für einen Johannisbeersaft und die Rückkehr zur Freiluftdarbietung am Alten Markt.

Zum ersten Mal fällt mir heute auf, in welch vielfältiger Weise sich die Leute über den Platz bewegen. Vor einer Stunde hatten die sportlichen Läufer noch freie Bahn, jetzt müssen sie Haken schlagen, um vor Staunen stehengebliebenen Touristen auszuweichen. Pärchen schlendern Hand in Hand dahin; Herzen und Augen verbannen die Richtung ihrer Schritte ins Unbedeutende. Kinder spielen Abfangen und lassen ihre Eltern beim Versuch, dies kraft ihres Erziehungsamtes zu unterbinden, grandios scheitern. Die Rikscha-Fahrerin tritt stramm in die Pedale, auch wenn sie die Erläuterungen zur Geschichte der Stadt der fülligen Frau in ihrem Fahrzeug etwas kurzatmig darbringt; nicht erst seit heute kennt sie die wahre Bedeutung des Werbespruchs Servas die Wadln. Und immer wieder Reisegruppen aus aller Herren Länder: große, kleine, langsame, schnelle, laute, leise; die Männer cool bebrillt oder schlecht beschuht, die Frauen tief dekoltiert oder züchtig verschleiert.

Es ist Sonntag, ein freier Tag, Urlaubszeit. Diese Deutung des friedlichen Bildes vor mir mag berechtigt sein wie auch der Einwand, auf einer reichen Insel der Seligen sei es leicht, über die schlechten Seiten der Welt hinwegzusehen. Trotzdem lasse ich mir meine Erkenntnis angesichts dieses wunderbaren Stelldichein der Menschen nicht nehmen: Für alle ist Platz.

Viertel nach zehn; höchste Zeit, dem Kellner zu winken. Aber mein Wunsch zu verweilen ist groß, unbezwingbar. Dies ist meine Belohnung für jede Mühe – hier am schönsten Platz zu sitzen, in meiner Wahlheimat, wo ich mir das Leben über Jahre erschlossen, hart erkämpft, mit Ausdauer erarbeitet habe. Es gab Stunden dunkler Einsamkeit, und mancher Gedanke drängte mich zur Rückkehr, doch die Überzeugung, dass ich genau diesen Ort schmerzlich vermissen würde, hat mich davon abgehalten, dem Ansinnen zu folgen.

Ich sehe das strenge Gesicht des alten Franziskaners vor mir, der oft den Spätgottesdienst leitet, und fürchte beinahe, er wäre ob meines Versäumnisses erzürnt. Doch die Sonne lacht so hell wie die italienischen Freundinnen; die Kirchtürme blitzen, als hätte der Herrgott selbst ihnen soeben einen Ring aus Diamanten aufgesetzt. Da weiß ich, dass ER nicht zürnt, sondern bei mir am Tisch sitzt.

Der Kellner kommt mit gezückter Geldtasche auf mich zu. Ich schüttle heiter den Kopf.

„Noch eine Melange bitte.“

Text: Hannes Glanz
Bild: Hannes Glanz

Weitere Texte von Hannes Glanz hier auf der Weinpresse:
In Geheimer Mission
Was Mozart sagte
Salzburg. Festspielzeit ist
Als ich den Herrgott alleinließ

Comments are closed.

DieWeinpresse located at Wien , 1020 Wien, Austria . Reviewed by 4793 Reader rated: 4.8 / 5