Als ich den Herrgott alleinließ (1)

Ein Sonntag im August, 9 Uhr morgens. Bei strahlendem Sonnenschein betrete ich einen der schönsten Orte Salzburgs, darauf vertrauend, dass mir mein Glück so hold ist wie das herrliche Wetter. Ja, er wartet auf mich: Ein Tisch auf dem Balkon des Cafè Tomaselli; erste Reihe fußfrei, sprichwörtlich.

Hannes Glanz, Der Kernölbotschafter

Hannes Glanz, Der Kernölbotschafter

Mit einem dankbaren Seufzer, der auch die Vorfreude auf die folgende Stunde einschließt, lasse ich mich auf dem Stuhl nieder. Verflogen ist mein noch vor Minuten beträchtlicher Groll gegen einen überheblichen Polizisten in der Hofstallgasse, der mich erst verscheuchen wollte, meine Parkberechtigung für die Altstadt beim zweiten Hinschauen als leider doch nicht gefälscht anerkannte und mir schließlich von seiner Amtsgewalt Gnaden gestattete, meinen GolfPlus auf einer dafür reservierten Fläche abzustellen. Meinen Hinweis, ein bisschen mehr Freundlichkeit wäre durchaus angebracht, kommentierte er nicht. Muss ich eben selbst für Freundlichkeit sorgen, denke ich. An diesem Platz ist mir das ohnehin nie schwer gefallen – da stellt meine Seele ganz von selbst ihren Modus auf Baumeln. Unter mir breitet sich der Alte Markt aus, um die Ecke blinzeln der Dom und die Neue Residenz. Noch ist es ruhig, doch schon bald wird eine ganz besondere Vorstellung beginnen: Straßentheater, spontan und lebensecht.

„Guten Morgen! Was darf es sein, der Herr?“

Der Kellner, ins Inventar des Hauses eingeschrieben wie der Holzfußboden und der Zeitungsstock, blickt wartend auf mich herab. Auch ihm scheint die Freude über den schönen Tag zu gelingen, was ich ihm bei dem Stress, den er noch haben wird, hoch anrechne.

„Eine Melange bitte“, gebe ich meine Standardbestellung auf, füge heute zur Feier meines inneren und äußeren Glücks hinzu: „Könnten Sie die Dame mit dem Kuchentablett vorbeischicken?“

„Beides kommt sofort, bitte sehr“, gibt er mit typischer Tomaselli-Noblesse zurück und geht zum nächsten Tisch.

Ich geniere mich nicht für meinen nächsten Dankbarkeitsseufzer und greife zur Tageszeitung. Noch beim Streifen der ersten Überschriften lasse ich mich gerne ablenken: Eine große Touristengruppe, dem hohen Anteil an gezückten Fotoaparaten und bunten Sonnenschirmen nach zu schließen, aus Asien, nimmt die Fläche zwischen den Cafès Fürst und Tomaselli in Beschlag. Ergriffen lauschen die Frauen und Männer älteren Semesters, von denen einige wohl ihr ganzes Leben lang für diese Reise gespart haben, ihrer Führerin. Offenbar ist der Stadtrundgang hier zu Ende, denn die Dame, aus deren Rucksack ein Stab samt Fähnchen aufragt, verbeugt sich und erntet großen Applaus.
Ich gehe gerne in die Welt, fällt mir bei dieser Szene ein. Doch in einer Stadt zu leben, in die alle Welt zu Besuch kommt, ist eines der schönsten Lebensgeschenke.

„Achtung bitte!“

Gibt es Schöneres, als vom Anblick einer verheißungsvollen Kuchenauswahl aus einem Tagtraum gerissen zu werden? Am liebsten würde ich von allem kosten, doch auch hier entscheide ich mich für meine Favoritin: eine Himbeertorte mit Vanillecreme. Der erste Bissen bringt mich dem Himmel wieder ein kleines Stück näher.

Inzwischen ist der Balkon vollbesetzt. Zwei junge Italienierinnen scherzen mit dem Kellner auf Englisch, ein spanisches Ehepaar kann sich nicht zwischen dem klassischen und dem Wiener Frühstück entscheiden, und ein amerikanischer Bub quengelt, weil er seiner kleinen Schwester den Vortritt auf dem Schoß seiner Mutter überlassen muss. Auch auf dem Alten Markt wechseln die Bilder in so rascher Folge, dass die Zeitung längst unbeachtet neben mir liegt. Der Silbermann wartet regungslos auf Bewunderer; ich muss lachen, als er doch zuckt, aus seinem Umhang ein Handy zieht und ganz Mensch, nicht länger Statue, hineinspricht. Taxis bahnen sich mühevoll ihren Weg durch den immer dicher fließenden Strom an Menschen. In Tracht und klassischem Stil gewandete Personen, die zielstrebig zur Sigmund-Haffner-Gasse gehen, künden vom nahen Beginn der heutigen Festspielmatinee.

Teil 2 folgt.

Text: Hannes Glanz
Bild: Hannes Glanz

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