Alles Wurscht! Ein Lebensgefühl.

Würststand in Wien?Nachdem ich jetzt ganz offiziell eine Kolumne über Wirtshäuser führen darf, möchte ich gleich einen Artikel schreiben. Und natürlich gleich einmal nicht über Wirtshäuser. Sondern über den Würstelstand, also quasi eine Wirtschaft ohne Wirtshaus. Zweifellos handelt es sich aber auch um eine wienerische Institution.

Der Würstelstand ist eine tiefverwurzelte Erinnerung an Jugend- und Studentenzeiten. Er war die Labstelle bei so manchem freitag- oder samstagnächtlichen „Ziaga“. Eine Burenwurst oder ein Leberkas so um 1 oder 2 Uhr früh, das brachte die alkoholbelasteten Magennerven wieder in Ordnung und schaffte Platz für die nächsten paar Spritzweine. Ein wesentlicher Bestandteil des Würstelstand-Feelings war natürlich auch die Atmosphäre; das Publikum. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir der nächtliche Mix beim Stadtbahnbogen Thaliastraße. Also praktisch am Dreh- und Angelpunkt des damals ausgedehnten Straßenstrichs Gürtel – Thaliastraße. Dementsprechend vielfältig und bunt war das Publikum, bestehend aus den Damen der Nacht auf Pause, ihren Zuhältern und allerlei kulinarisch Hilfesuchenden zwischen 0,5 und 3,0 Promille.

Auch wenn viele die Meinung vertreten, die Wurst wäre – wegen lebensmittelrechtlicher Vorschriften – auch nicht mehr das, was sie einmal war: Mir ist trotzdem lieber, ich weiß nicht so genau, was drinnen ist. Und ich gestehe: ich liebe den Würstelstand nach wie vor. Ab und zu. Naja, vielleicht auch etwas öfter. So ein gescheiter Stand bietet ja eine reichliche Auswahl, um im wachsenden Konkurrenzkampf mit den Kebabbuden bestehen zu können. Von der Waldviertler über vielfältige Hot Dog Variationen bis hin zum Geschenk unserer nördlichen Nachbarn, der Currywurst, ist alles dabei. Wobei nichts gegen eine gute Currywurst spricht, die beste gibt’s übrigens in Berlin bei Konoppkes am Prenzlauer Berg. Und natürlich ist auch ein guter Döner nicht zu verachten (mit alles, scharf, aber ohne Paradeiser).

Was sind für mich die Top 3 am Würstelstand? Erstens: Die Burenwurst (vulgo Burenhäutl, vulgo Haaße). Sie ist der Wiener Klassiker und für die richtige Zubereitung bieten die Standler ihres Vertrauens vielerlei Tipps. Zum Beispiel scharfe Pfefferoni samt Marinade dem Kochwasser zugeben. Das verstärkt das Aroma. Zweitens: der Leberkäse (vulgo Leberkas). Vom Schwein oder vom Ross, mit Käse drinnen oder pikant oder einfach pur erfreut er den Gaumen, wobei er für mich erst durch die Beifügung einiger Pfefferoni – je nach Lust und Laune mild oder scharf – zum Geschmackserlebnis wird. Und Drittens: die Käsekrainer (vulgo Eitrige). Frisch vom Grill bitte! Angekrustelt kitzelt ihr überragendes Aroma die Geschmacksnerven. Meine Frau ist sie am liebsten mit Ketchup. Aber sie stammt ja auch aus Deutschland.

Welche Fetttankstelle kann ich ihnen empfehlen? Sichere Banken sind zweifelsfrei die Stände am Hohen Markt und am Albertinaplatz. Der legendärste Würstler meiner Jugend war aber der am Quellenplatz. Keine Ahnung, ob es den noch gibt, ich komme eher selten nach Favoriten. Zum Fußball aus grundsätzlichen Gründen schon gar nicht.

Ich darf meine würstlerischen Ausführungen mit der idealtypischen Bestellung beenden, die in dieser Form wahrscheinlich nie abgegeben wurde, die sich nichts desto trotz so gut zur Demonstration der Vielfältigkeit der Wiener Mundart eignet: „A Eitrige mit an Gspiebenen (süßer Senf), an Bugl (Scherzel Brot), zwaa Öliche (Ölpfefferoni), an Krokodüü (Essiggurkerl) und an 16er Blech (Dose Ottakringer).“
Mahlzeit!

Text: Michael Binder
Bild: M.Großmann/ pixelio.de

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